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Kolumne:Machtverschiebung

Während Österreichs Skifahrer hinter den Erwartungen bleiben, könnte 2020 ausgerechnet zum Jahr der Fußballer werden.

Es ist erst ein paar Wochen her, da schrieb ich im Österreich-Newsletter von der Post-Hirscher-Depression beim österreichischen Skiverband. Nun, Matthias Mayer hat im Jänner zwar die Abfahrt auf der Streif gewonnen, aber im Großen und Ganzen hat sich diese Depression zu einer Krise ausgewachsen: Die Schweiz führt in der Nationengesamtwertung, zuletzt musste der ÖSV in Garmisch-Partenkirchen das schlechteste Riesentorlauf-Ergebnis in seiner Geschichte einfahren und am Donnerstag hat sich Thomas Dreßen in Saalbach-Hinterglemm seinen schon dritten Abfahrtssieg in dieser Saison geholt. Ausgerechnet ein Deutscher!

Der Tiefpunkt allerdings könnte noch kommen. An diesem Freitagabend um 19 Uhr beginnt die Rückrunde der österreichischen Bundesliga mit dem Spitzenspiel zwischen dem Serienmeister Red Bull Salzburg und dem direkten Verfolger, dem Linzer ASK. Der ORF überträgt live, es könnte zu einer Art Wachablösung kommen, wenn der LASK den Favoriten aus Salzburg die Tabellenführung entreißen sollte. Es könnte aber auch - und hier kommt der ÖSV ins Spiel - zumindest für eine gewisse Zeit zu einer Machtverschiebung kommen.

Seit Jahren sind die Verhältnisse in Österreich geklärt. Fußball? Von Córdoba erzählt man sich gerne, und ja, im Frühjahr, wenn der Schnee geschmolzen ist, wird ein bisserl Fußball gespielt. Gerne schaut man die Wiener Derbys zwischen Austria und Rapid, gerne auch die Ausflüge der Salzburger in die Champions League und vielleicht dann noch das Finale der Champions League im Mai - aber auch nur, wenn der Alaba-David mit dem FC Bayern da spielt. Ansonsten: Singt Wolfgang Ambros über Fußball? Nein: Schifoan! Immer und überall auf Platz eins. In den Tabellen der TV-Einschaltquoten, auf den Titelseiten der Zeitungen und unter bei den Diskussionsthemen am Stammtisch.

Die Bundesliga ist so interessant wie schon lange nicht mehr. Sowohl die Salzburger als auch die Linzer spielen fantastischen, attraktiven, offensiven Fußball und haben in ihren Reihen eine talentierte junge Generation an Spielern, die die Bundesliga als Sprungbrett nutzen möchten.

Die Liga, die ihren Modus im vergangenen Jahr überarbeitet hat und nun von März an in einem Playoff-System den Sieger ausspielt, hat sich im europäischen Fußball einen Namen gemacht. Spieler wie der Norweger Erling Haaland, der in der Winterpause aus Salzburg zu Borussia Dortmund wechselte oder der Japaner Takumi Minamino, mittlerweile bei Liverpool, sind nur zwei Beispiele dafür, dass Österreich - und dabei vor allem Salzburg und Linz - für viele Talente mittlerweile der optimale Entwicklungsstandort ist.

Das alles dürfte dem ÖSV keine Freude machen; erst recht nicht, weil im Juni auch noch die Fußball-Europameisterschaft ansteht. Zum dritten Mal hat sich Österreich qualifiziert. Sollte die Nationalelf dieses Jahr nicht erneut (wie bei der EM 2016) unter dem großen Erwartungsdruck einbrechen, dann könnte man auf das österreichische Sportjahr 2020 tatsächlich als das Jahr zurückblicken, in dem die Fußballer den Skifahrern die Show gestohlen haben.

Dieser Text ist zuerst am 14. Februar 2020 im Österreich-Newsletter erschienen.

© SZ vom 15.02.2020