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Kolumne:Boykott damals und heute

Aufführungsverbot für den einen, Ausladung für die andere: Eine kleine Geschichte der "Cancel Culture" von Bertolt Brecht bis Lisa Eckhart.

Von Verena Mayer

Bestimmt haben Sie schon einmal das Schlagwort "Cancel Culture" gehört. Es fällt, wenn Leute das Gefühl haben, sie würden wegen einer Meinung ausgegrenzt oder sogar mit Konsequenzen belegt, öffentlich storniert gewissermaßen. Jüngster Fall: Lisa Eckhart. Der Kabarettistin wird vorgeworfen, sie würde in ihren Programmen rassistische und antisemitische Klischees bedienen, weshalb sie von einem Literaturfestival in Hamburg, bei dem sie auftreten sollte, ausgeladen wurde.

Der Veranstalter, ein Hamburger Kulturzentrum, begründete das damit, dass es wegen der massiven öffentlichen Kritik an Eckhart, also der besagten "Cancel Culture", zu Störungen kommen könnte. Wenn Sie sich jetzt fragen, was das alles soll, sind Sie nicht allein. Und wer cancelt hier überhaupt wen? Die Kritik die Kabarettistin? Die befürchteten Störer die Veranstalter? Oder canceln nicht eher Veranstalter eine Künstlerin? Eckhart selbst ist zudem das Gegenteil von gecancelt, sie tritt im deutschen Fernsehen auf, wurde mit Preisen überschüttet und ist durch den Aufruhr noch bekannter. Die Karriere der Steirerin hat mein Kollege Tobias Haberl in einem lesenswerten Porträt nachgezeichnet.

Ich finde die Debatte um die "Cancel Culture" ziemlich seltsam. Sie wird von Leuten wie Joanne K. Rowling geführt, die sich kürzlich zusammen mit 150 Prominenten in einem offenen Brief an die Zeitschrift Harper's Magazine beklagte, sie würde wegen Meinungen, die "vom Konsens" abweichen, zum Schweigen gebracht. Bei einer Autorin, die mit ihren Harry-Potter-Romanen auf der ganzen Welt erfolgreich ist und der allein auf Twitter 14,3 Millionen Menschen folgen, klingt das unfreiwillig komisch.

Solche Beiträge lenken zudem davon ab, dass Kulturschaffende und Intellektuelle in vielen Ländern tatsächlich mit Auftrittsverboten belegt werden. Dass sie um ihr Leben oder ihre berufliche Existenz fürchten müssen, wenn sie sich äußern. Selbst im beschaulichen Österreich der Nachkriegszeit gab es einen gravierenden Fall, den sogenannten Wiener Brecht-Boykott: Mehr als zehn Jahre lang konnte Bertolt Brecht, damals einer der meistgespielten deutschen Autoren, an keinem Wiener Theater aufgeführt werden.

Die Geschichte führt tief zurück in den Kalten Krieg. Brecht hatte in einer bis heute strittigen Ergebenheitsadresse Verständnis für die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 in Berlin gezeigt, worauf sich in Österreich Kultur und Politik gegen Brecht in Stellung brachten. Direktoren der führenden Wiener Theater schafften Brecht als Autor ab, die Schriftsteller Hans Weigel und Friedrich Torberg begleiteten den Boykott publizistisch. So schrieb etwa Torberg: "1. Kunst hat mit Politik zu tun. 2. Bertolt Brecht ist ein Kommunist. 3. Der Kommunismus ist der unerbittliche Todfeind der Demokratie." Immer wieder gab es Anfragen im Salzburger Landtag und im Nationalrat, die "den Kommunisten Brecht" zum Thema hatten. Erst 1963 wurde Brecht in Österreich wieder im großen Stil aufgeführt.

Österreich spielte im Leben Brechts übrigens eine wichtige Rolle. Brecht, dem das NS-Regime 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt hatte, sondierte nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum die Lage für ihn als Theatermacher. Österreich kam ihm dabei am weitesten entgegen. Auf Vermittlung des Komponisten Gottfried von Einem, von 1946 an Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele, gab man dem Staatenlosen die österreichische Staatsbürgerschaft. Immerhin war Brecht ja mit der Wienerin Helene Weigel verheiratet. Die Absicht dahinter, nämlich Brecht in Österreich heimisch zu machen und ihn als Autor für Salzburg zu gewinnen, erfüllte sich nicht. Brechts Arbeit an einem Festspiel mit dem Titel "Salzburger Totentanz", das den "Jedermann" ablösen sollte, endete in einem Skandal. In Ostberlin hingegen war er willkommen - hier fand sich eine Heimstatt für Brechts Ensemble, das spätere Berliner Ensemble. Der österreichische Pass hat ihm aber das Leben in der DDR erleichtert.

An diesem Freitag ist Brechts 64. Todestag. Ich verabschiede mich mit ein paar Zeilen aus einem Gedicht, in dem Brecht Tipps gegen die Sommerhitze gab:

"O Sprengen des Gartens, das Grün zu ermutigen!

Wässern der durstigen Bäume! Gib mehr als genug und

Vergiß nicht das Strauchwerk, auch

Das beerenlose nicht."

Diese Kolumne erscheint am 14. August 2020 auch im Österreich-Newsletter.

© SZ vom 14.08.2020
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