Klimawandel Ein irrer Hochdruckrücken

Muss der Besitzer dieses Anwesens bei San Diego seinen Wasserkonsum um ein Viertel senken, sieht es bei ihm wohl bald aus wie jenseits des Grundstücks.

(Foto: Sandy Huffaker/AFP)

Die globale Erwärmung hat die Dürre in Kalifornien nicht allein ausgelöst. Aber vermutlich deutlich befördert. Dafür spricht einiges - auch wenn sich nicht alle Wissenschaftler einig sind.

Von Christopher Schrader

Für einen amerikanischen Politiker waren es ungewöhnlich deutliche Worte. "Der Klimawandel ist kein Witz. Wir müssen uns auf ihn einstellen, und es ist verdammt ernst." Mit diesen kurzen Sätzen hat der kalifornische Gouverneur Jerry Brown in dieser Woche praktisch der globalen Erwärmung die Schuld an der Dürre gegeben, die seinen Bundesstaat seit vier Jahren quält. So ist es jedenfalls allgemein interpretiert worden. Tatsächlich mied Brown jedoch eindeutige Begriffe wie "verantwortlich" oder "ausgelöst". Er sprach nur vom "Wetter in Kalifornien" und danach vom Klimawandel. Die Zuhörer zogen aber ihre Schlüsse daraus.

Vermutlich wollte sich der Gouverneur gar nicht einmal ein Hintertürchen offenhalten, auch wenn es in diesem Fall vielleicht klug gewesen wäre. Was nämlich der Klimawandel mit der kalifornischen Dürre zu tun hat, ist in der Klimaforschung umstritten. Den unmittelbar Schuldigen haben die Experten zwar längst ausgemacht. Es ist ein "irrwitzig widerstandsfähiger Hochdruckrücken", der seit 2012 vor der Westküste der USA liegt und Winterstürme mit dicken Regenwolken im weiten Bogen um Kalifornien herumlenkt. Die Frage ist aber, ob die globale Erwärmung dieses Hoch ausgelöst, begünstigt oder verstärkt hat.

Auf beiden Seiten der Debatte stehen namhafte Wissenschaftler und Institute: Einen Einfluss erkennen unter anderem Vertreter der Stanford University, der Nationalen Wissenschaftsstiftung und der Nasa. Eher zurückhaltend sind Forscher der Carnegie Institution, der Columbia University und der US-Behörde für Atmosphäre und Ozeane, Noaa. Sie sehen natürliche Schwankungen am Werk.

Keiner der beteiligten Wissenschaftler ist dabei jener Fundamentalkritik verdächtig, die selbst dann Aussagen zum Klimawandel als Witz oder Ergebnis einer Verschwörung abtut, wenn Tausende Wissenschaftler im Weltklimarat IPCC sie bestätigt und die Regierungen der Welt sie besiegelt haben (siehe Artikel rechts). Es ist einfach kompliziert, Verantwortung nachzuweisen. "Wenn wir vor Gericht wären, und der menschliche Einfluss auf das Klima wäre der Angeklagte, dann könnte man ihn zum Beispiel bei der australischen Hitzewelle 2013 schuldig sprechen", sagte Ken Caldeira von der Carnegie Institution der Webseite Climate Central. "Über die kalifornische Dürre berät die Jury noch." Dass es bislang keine Beweise gebe, beweise aber auch nicht, dass da nichts dran ist. Die Klimaforschung weiß viel über die Zustände in der Vergangenheit und ist sich ziemlich sicher, was die allgemeine Entwicklung in der Zukunft angeht. Mit konkreten Abläufen in der Gegenwart hingegen ist es schwieriger. Es hat schließlich immer schon Extremwetter-Ereignisse gegeben. Im relativ neuen Feld der "attribution" (Zuordnung) behelfen sich die Wissenschaftler daher mit statistischen Aussagen: Der Klimawandel habe das Eintreten bestimmter Ereignisse wahrscheinlicher gemacht. James Hansen von der Nasa hat das mit einem Würfel erklärt. Er hatte vor 30 Jahren noch je zwei blaue, weiße und rote Seiten, die für kühle, durchschnittliche und heiße Sommer standen. Mittlerweile sei der Würfel "gezinkt": Er zeige viermal rot und nur noch je einmal blau und weiß.

Ähnlich argumentiert das Team um Noah Diffenbaugh von der Stanford University im Herzen von Kaliforniens Silicon Valley. Der Ausstoß von Treibhausgasen, der den Klimawandel auslöst, habe die Chance, dass ein solches blockierendes Hoch entsteht, auf das Dreifache erhöht. "Hier geht es nicht um eine Projektion, die 100 Jahre in die Zukunft blickt", sagt Diffenbaugh. "Dieses Ereignis ist extremer als alle anderen in den Aufzeichnungen, unsere Ergebnisse legen nahe, dass die globale Erwärmung eine Rolle dabei spielt."

Das sieht ein Team um Martin Hoerling von der Behörde Noaa diametral anders: "Für zwei Drittel des Niederschlags-Defizits in Kalifornien waren Faktoren verantwortlich, die mit den zufälligen Prozessen in der Atmosphäre zu tun haben." Richard Seager von der Columbia University in New York sekundiert: "Die Dürre, obwohl extrem, ist kein ungewöhnliches Ereignis für Kalifornien. Mehrjährige Trockenphasen gibt es in der Klimageschichte des Staates oft."

Regenmangel und dazu noch Rekordhitze - eine unheilvolle Kombination

Das stimmt zwar, aber doch nicht ganz. Zuletzt hatte Kalifornien 1974 bis 1977 eine ähnliche Trockenheit erlebt, diesmal indes war es schlimmer. Die Dürre ist sogar die größte der vergangenen 1200 Jahre, zeigt eine Studie von Forschern um Kevin Anchukaitis von der Woods Hole Institution; das Team hatte den Effekt anhand von Baumringen der sehr sensibel reagierenden Blau-Eichen nachgewiesen.

Doch ist es nicht der Regenmangel allein: Die Statistik zeigt ihn als ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Hinzu kommt enorme Hitze, die Kalifornien erfasst hat und das wenige Wasser stärker verdunsten lässt. Der Staat hat 2014 den 80 Jahre alten Wärmerekord um ein ganzes Grad überboten. Da lassen sich die Fingerabdrücke des Klimawandels leichter nachweisen. "Die Rekordtemperaturen sind wahrscheinlich wegen der von der Menschheit ausgelösten globalen Erwärmung extremer geworden", erklärt selbst das Team um Martin Hoerling von Noaa. Der Klimawandel hat die Dürre also vielleicht nicht allein ausgelöst, aber vermutlich deutlich befördert.