Klaus Wowereit: Die Autobiographie:... und das ist auch schlecht so

Lesezeit: 4 min

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat seine Biographie "... und das ist auch gut so" geschrieben. Darin geht er kritisch mit allen um - außer mit sich selbst.

Jürgen Schmieder

Es war der 10. Juni 2001. An diesem Tag änderte sich das Leben des Berliner Kommunalpolitikers Klaus Wowereit schlagartig. Vor seiner Rede auf dem Sonderparteitag war sein Name gerade einmal 40 Prozent der Berliner Bevölkerung geläufig, doch danach war er im kollektiven Bewusstsein der gesamten Nation verankert.

Schuld waren drei Worte und ein Zusatz. Wowereit sagte: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so!" Er war der erste deutsche Spitzenpolitiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte.

Wowereits Ausspruch wurde auf T-Shirts gedruckt, von Firmenchefs bei Fusionen zitiert. Die Fans des VfB Stuttgart brüllen, sobald der Stadionsprecher den Spielstand verkündet: "Und das ist auch gut so!" Sein Coming-out verhalf Wowereit zu nationaler Berühmtheit, er trat in Talkshows auf, spielte in Filmen mit, war Gastmoderator bei "Wetten, dass...???". Er war Gast auf Bällen, Partys und der Love Parade.

Ach ja: Am 16. Juni 2001 wurde Wowereit als Regierender Bürgermeister Berlins vereidigt. Ein Amt, das er bis heute inne hat. Nun hat Wowereit gemeinsam mit dem Journalisten Hajo Schumacher eine Autobiographie geschrieben. Wenig überraschender Titel: "... und das ist auch gut so!"

Zwei Dinge fallen auf an diesem Buch. Es kommt kaum ein Mensch vor, an dem Wowereit nichts auszusetzen hat. Helmut Kohl nennt er einen "Bimbes-Kanzler", Edmund Stoiber wirft er vor, sich "zum Kanzlerkandidaten emporgemobbt" zu haben. Gerhard Schröder erlebte Wowereit am Ende seiner Amtszeit als "unwirschen und bisweilen kurzsichtigen Regierungschef" und über Oskar Lafontaine behauptet er: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Oskar auch diese Partei ins Durcheinander manövriert hat."

Dabei beweist Wowereit bei seiner Schelte durchaus Humor. Auf einer Seite wird ein Bild gezeigt, auf dem John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer lachend in einem Auto sitzen. Die Bildunterschrift: "Zwei Idole meiner Jugend: John F. Kennedy und Willy Brandt. Rechts: Konrad Adenauer."

Die zweite Auffälligkeit in diesem Buch ist, dass Wowereit sein Kritik-Pensum bei anderen Personen aufgebraucht zu haben scheint. Über sich selbst nämlich verliert er kein kritisches Wort. Und das ist auch schlecht so. Wowereit zeichnet von sich das Bild des armen Jungen, der es durch seinen Fleiß in der großen Stadt zu etwas gebracht hat.

Bestens zum Vorabdruck geeignet

Nicht ohne Pathos berichtet der Mann, der auf keiner bedeutenden Party in Berlin fehlt, von den bescheidenen Verhältnissen während seiner Kindheit: "Schließlich trug ich einen unbändigen Stolz in mir, den meine Mutter tagtäglich aufs neue weckte und vergrößerte. Sie verkörperte die unbeugsame Würde eines fleißigen, ehrlichen und selbstbestimmten Menschen. Es war ihr täglicher kleiner harter Kampf um die eigene Unabhängigkeit, der mich prägte."

In dem Kapitel über seine Jugend hält er auch jene Passagen bereit, die sich Promi-Biographien-Leser wünschen und die sich auch für einen Vorabdruck in der Bild-Zeitung bestens eignen: Wowereit erzählt von entfesselten Partys im katholischen Gemeindehaus und davon, wie er mit einer Frau intim wurde: "Der Gastgeber sowieso, vor allem bei Sabine. Wir haben geknutscht, bis uns schwindelig war. Unsere Auftritte waren legendär."

Danach berichtet Wowereit von seiner Studentenzeit, seinem Einstieg in die Politik und dem rasanten Aufstieg, der in seine Vereidigung zum Regierenden Bürgermeister Berlins mündet. Eine Karriere ohne Fehl und Tadel. Schreibt Wowereit, der es sogar schafft, Golf als sozialistischen Sport darzustellen - und sich zu Beginn jedes Kapitels von einem anderen Menschen loben lässt. "Er sah immer ordentlich aus", wird sein ehemaliger Lehrer Klaus Padlowski zitiert, "sein Markenzeichen ist Mut" die Journalistin Brigitte Grunert.

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen"

Man ist ein wenig enttäuscht, wenn man das Buch liest. Wowereit sagte einmal über sich selbst: "Ich bin eben schillernder als andere Politiker." Man erfährt wenig über Glamouröses, dafür erklärt er haarklein, wie er vor der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden agierte: "Bis zur letzten Sekunde sammelte ich meine Truppen, während die Gegenseite sich sicher fühlte."

Wowereit kommt in diesem Buch bieder, strebsam und so überhaupt nicht schillernd daher. Und natürlich ohne Fehler: "Ich habe mir nun wirklich nichts vorzuwerfen. Morgens um acht Uhr bin ich im Büro, meistens früher. Einen Pressespiegel brauche ich nicht, weil ich die wichtigsten Zeitungen schon zu Hause gelesen habe."

Man muss - als Nicht-Berliner - in der Tat lange nachdenken, um sich an politische Aktionen Wowereits zu erinnern. Da gab es den 22. März 2002, als er in seiner Eigenschaft als Bundesratspräsident das uneinheitliche Votum von Brandenburg als Zustimmung wertete. Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts erklärte die Abstimmung für ungültig. Wowereits Kommentar dazu im Buch: "Ich bin dagegen nach wie vor überzeugt, dass mein Verhalten richtig war."

Stark und intensiv wird das Buch nur, wenn Wowereit über seine Beziehung zu seinem Lebensgefährten Jörn Kubicki berichtet. Wie er ihn in der Bar Centrale kennenlernte, wie er sich verliebte, wie die beiden zusammenkamen. Wowereit schreibt klar und ohne Umschweife, was sein Coming-out für ihn bedeutete. Es war eine mutige Entscheidung, für die er zurecht belohnt wird.

Nach der Lektüre des Buches weiß der Leser, dass Klaus Wowereit eine ehrliche Haut ist, ein harter Arbeiter und strebsamer Politiker. Ein prima Kerl eben. Aber so gar nicht schillernd und glamourös, wie man bisher immer glauben wollte. Mit "Ich bin schwul - und das ist gut so" hat Wowereit einen Satz geprägt, der in die Geschichte einging. Dass sich anschließend die Fernsehsender für ihn interessierten und nicht mehr nur Lokaljournalisten, das hat den Sozialdemokraten berauscht. Ganz fassen kann es der Mann, den manche in seiner Umgebung für kanzlerfähig halten, offenbar nicht.

Es könnte tatsächlich sein, dass dieses Coming-out das Interessanteste an Klaus Wowereit ist.

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