Gastkommentar Scheidung der Geister

Das neue christliche Milieu gewinnt seine Identität inzwischen auch durch Abgrenzung gegenüber einem fremdenfeindlichen Pegida-Christentum. Was die Angriffe auf ausländische Priester über den Wandel in der Kirche aussagen.

Von Karl Gabriel

Rassistische Angriffe gegen einen aus dem Kongo stammenden Priester der katholischen Kirche haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Auch gegen den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat es offenbar Drohbriefe wegen dessen Eintreten für Flüchtlinge gegeben. Schick ist in der Deutschen Bischofskonferenz für Weltkirche zuständig und damit von Amts wegen mit den Problemen der globalen Migration konfrontiert. Es fragt sich, ob der am Fall des Zornedinger Pfarrers Olivier Ndjimbi-Tshiende zu Tage getretene Rassismus gegenüber ausländischen Priestern eine Ausnahme darstellt, oder ob er auf eine breitere Strömung zurückgeht.

Hinweise mag meine 2011 erschienene Studie "Zur Situation ausländischer Priester in Deutschland" geben. In der Untersuchung hatten wir im Auftrag der Bischofskonferenz einen Fragebogen an alle aktiven ausländischen Priester in Deutschland verschickt. Dieser fragte explizit auch nach Erfahrungen mit Rassismus und Vorurteilen. Insgesamt 16 Prozent der Priester hatten deutliche oder starke Erfahrungen mit rassistischem Verhalten gemacht, für 66 Prozent der Priester spielte dagegen der Rassismus keinerlei Rolle. Von den aus Polen und Indien stammenden Priestern - sie machen die mit Abstand größten Gruppen aus - berichteten 15 und 16 Prozent von deutlichen und starken Erfahrungen mit Rassismus. Anders bei den Afrikanern. Hier hatte beinahe jeder Dritte (28 Prozent) solche Erfahrungen gemacht, an der Spitze Priester aus dem Kongo und aus Nigeria. Bedenkt man, dass diese Zahlen aus einer Zeit stammen, in der das Flüchtlingsproblem noch eines unter vielen war, überrascht eher, dass Zorneding bisher ein Einzelfall geblieben ist.

Wir hatten die Priester auch gefragt, ob es in den Gemeinden Vorurteile gegenüber ausländischen Priestern gebe. 11,5 Prozent bekundeten, dass sie ausgeprägten Vorurteilen begegnet seien. Es zeigte sich, dass es - anders als beim Rassismus - hinsichtlich der Vorurteile kaum Unterschiede zwischen den Herkunftsländern der Priester gab. Zur Gesamtstudie gehörten auch zehn qualitative Gemeindestudien mit ausländischen Priestern, darunter auch Afrikanern. Auf einen ausgeprägten Rassismus sind wir dabei nicht gestoßen; eher auf eine im Gegenteil positive öffentliche Wahrnehmung der Priester. Eine der Fallstudien mit einem afrikanischen Priester in einer ostdeutschen Gemeinde stellten wir unter den Titel: "Afrika mit einem Gesicht verbinden".

Die Studie und ihre Ergebnisse wurden seinerzeit nicht von allen in der deutschen Kirche freudig begrüßt. Hatte sie doch auf viele Probleme und Versäumnisse beim Einsatz der ausländischen Priester hingewiesen und die These starkgemacht, dass sich über ausländische Priester das Grundproblem einer Priesterkirche ohne Priester nicht nachhaltig lösen lasse. Seit 2011 haben die deutschen Diözesen große Anstrengungen und Fortschritte gemacht: die Vorbereitung und die Ausbildung der ausländischen Priester wurden verbessert und auch in die Begleitung wurde mehr investiert.

Im Lichte der jüngsten Ereignisse möchte ich den Einsatz ausländischer Priester noch aus einer anderen Perspektive betrachten. 2014 schrieb der Salzburger katholische Theologe Franz Gmainer-Pranzl: "Das kreative Potenzial, das in der Zusammenarbeit mit einem ,fremdländischen' Priester entwickelt werden kann, besteht nicht zuletzt in der Kompetenz, mit dem Fremden umzugehen." Ich möchte noch hinzufügen: Der Einsatz ausländischer Priester trägt heute zu einer notwendigen "Scheidung der Geister" in den Gemeinden bei. An ihm wird eine neue Grenze manifest. Der Umgang mit den ausländischen Priestern scheidet ein neu im Entstehen begriffenes überkonfessionelles christliches Milieu vom wachsenden Milieu des Pegida- und AfD-Christentums (und Teilen des CSU-Christentums). Insofern repräsentieren ausländische Priester auf besondere Weise die starke weltkirchliche Einbindung der deutschen Kirche.

Wenn Erzbischof Schick heute Drohbriefe erhält, so richten sie sich instinktiv gegen diese Internationalität der Kirche. Hans Joas hat vor einigen Jahren unter dem Stichwort "Zukunft des Christentums" die These entwickelt, ein überkonfessionelles christliches Milieu sei im Entstehen begriffen. Die Übereinstimmung beider Kirchen in der Flüchtlingspolitik wie die vielen ökumenischen Flüchtlingsinitiativen vor Ort können als Beleg dafür gelten, dass dieses neue christliche Milieu seine Identität nicht nur durch die Abgrenzung gegenüber der säkularen Umwelt und anderen Religionen, sondern inzwischen auch gegenüber einem fremdenfeindlichen Pegida-Christentum gewinnt.

Karl Gabriel, 72, ist Senior Professor im Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster.