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Kevin Kühnert:Koch oder Kellner

Die Botschaft des Noch-Juso-Chefs an Olaf Scholz fiel kühl aus. Doch es geht hier um mehr, es geht um das Überleben der SPD.

Von Stefan Braun

Olaf Scholz, der frisch gekürte Kanzlerkandidat der SPD, dürfte sich von Kevin Kühnert keine Umarmung und erst recht keine Herzlichkeiten erwartet haben. Aber dass der Noch-Juso-Chef es fertigbringt, in einem halb-stündigen Auftritt den Namen Scholz fast gar nicht in den Mund zu nehmen und auf lobende Worte für den Kandidaten gleich ganz zu verzichten, ist schon eine bemerkenswerte Botschaft. Eine Botschaft, die so kühl wirkt, dass sie am Tag eins nach der Kür von Scholz schon wie eine große Distanzierung daherkommt.

Mag sein, dass viele Sozialdemokraten gehofft haben, auch der selbstbewusste Kühnert werde sich wenigstens zu einem guten Teil hinter den Kandidaten stellen. Mit seinem Auftritt am Dienstag aber ist klar geworden, dass das nicht der Fall sein wird. Die beiden trennt einfach zu viel, als dass sie Seit an Seit schreiten könnten. Kühnert bekämpfte Scholz im Ringen um den Parteivorsitz. Ihre seit Jahren gepflegte Abneigung wird auch dann nicht schwinden, wenn Scholz dereinst Kanzler, Papst oder Kaiser von China werden sollte.

Sicher, Kühnert hat sich nicht offen gegen Scholz gestellt. Und er hat dafür geworben, konstruktiv zu bleiben und sich nicht in die Grantler-Ecke mancher Linker zurückzuziehen, in der alle nur klagen, dass es mit der SPD sowieso nichts mehr werde. Aber er hat es nicht übers Herz gebracht, sich auch nur ein Mal mit Verve hinter den Kandidaten zu stellen. Das ist und bleibt die Botschaft. Begeisterung für eine Person ist zwar nicht alles; sonst hätte Martin Schulz 2017 gewinnen müssen. Aber ohne Begeisterung für die Person an der Spitze wird auch das beste Programm wenig bringen.

Für Olaf Scholz ist das gut und schlecht zugleich. Gut für ihn ist, dass es keine falschen Heucheleien geben wird. Da wird nichts vorgetäuscht, was einen in trügerischer Sicherheit wiegen könnte. Das ist allemal besser, als mitten im Wahlkampf von hinten überrascht zu werden.

Zugleich aber hat Kühnert in unnachahmlicher Weise deutlich gemacht, dass er sich selbst im Verhältnis zum Kanzlerkandidaten als Koch versteht und nicht als Kellner. Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Jusos, die Linken und vorneweg sich selbst als die treibende Kraft in der Partei versteht; dass der Abschied von Hartz IV genauso ihnen zu verdanken ist wie das Ziel einer neuen Vermögenssteuer; und dass er und seine Truppen Scholz allein daran messen werden, ob er sich an diese Beschlüsse hält, ob er also für die Linie von Kühnert kämpfen wird.

Man kann das Chuzpe nennen oder Selbstverliebtheit - für Scholz enthält es nur eine Botschaft: dass dieser Wahlkampf kein Spaß wird. Wo Peer Steinbrück als Kandidat recht harsch mehr Beinfreiheit einforderte, dreht Kühnert den Spieß um mit der Ansage, dass es eine solche Beinfreiheit dieses Mal nicht geben werde. Eine so demonstrative Eingrenzung des Kanzlerkandidaten hat es selbst in der SPD noch nie gegeben.

Nun könnte man sagen, dass die kommende Wahl auch nur eine von vielen sein wird. Für die SPD aber geht es um mehr. Wenn sie sich dieses Mal nicht erholt, könnte sie ganz wegbrechen. Es geht nicht nur um die Chancen von Olaf Scholz. Es geht um das Überleben der SPD. Wer Kühnerts kühlen Auftritt verfolgt hat, wird jedoch das Gefühl nicht los, dass er das nicht wahrhaben möchte.

© SZ vom 12.08.2020

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