Kaschmir Vom Social-Media-Star zum Märtyrer

Rebellen kämpfen seit 1989 für die Unabhängigkeit Kaschmirs oder einen Zusammenschluss mit Pakistan. Zehntausende sind seitdem ums Leben gekommen.

(Foto: Dar Yasin/AP)

Anlässlich des Todestages eines Aufständischen kommt es im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs zu Zusammenstößen.

Von Arne Perras, Singapur

Alle Seiten hatten sich vorbereitet auf diesen 8. Juli. Alle wussten, dass sich etwas zusammenbrauen würde am Todestag von Burhan Wani. Der 22-jährige Aufständische aus Kaschmir ist vor einem Jahr in einem Gefecht mit indischen Sicherheitskräften gestorben. Seither verehren ihn viele als Märtyrer. Und so planten sie Proteste für Burhan Wani. Indiens paramilitärische Polizei war also vorbereitet. Dennoch hatten sie Mühe, die Wut in Schach zu halten an einem Tag, der so sehr mit Emotionen aufgeladen war.

"India, go home", liest man an Hauswänden in Kaschmir. "Indien, verschwinde." Die jungen Leute rufen "Azaadi". Freiheit. Sie lehnen sich auf gegen das, was sie als brutale indische Fremdherrschaft empfinden. Der Konflikt um die Bergregion schwelt seit Jahrzehnten. Doch Indien tut sich immer schwerer, Kaschmir zu kontrollieren, seitdem soziale Medien den Auf-ständischen eine Plattform bieten. Außer-dem beobachten Analysten, dass konservative Strömungen im Islam Gewicht bekommen und den Separatismus immer stärker religiös aufladen. Es sind wahhabitische und salafistische Einflüsse, die sich in einer Gegend verbreiten, wo früher ein eher gemäßigter Islam dominierte.

Wer mit Jugendlichen in Kaschmir spricht, bekommt oft zu hören, dass sie keine andere Wahl hätten, als sich gegen die Inder aufzulehnen, die sie als Unterdrücker beschimpfen. Und so geschieht es auch am Wochenende, als Polizeikräfte ausziehen, um die Proteste zu zerschlagen. Einsatzkräfte rücken mit Tränengas und Schrotgewehren gegen Jugendliche vor, die Steine werfen. Die Sicherheitskräfte können sie vertreiben, aber ihren Willen zum Widerstand brechen sie so nicht.

Dann fliegt nachts eine Handgranate auf einen Polizeiposten, was Indien als Terrorangriff einstuft. Es gibt in diesen Tagen Dutzende Verletzte. Wie die Zeitung Rising Kashmir berichtet, wurden auch Frauen und Kinder von Schrotkugeln getroffen. Doch Gewalt entlud sich nicht nur auf den Straßen. Auch an der Trennlinie zwischen pakistanischen und indischen Truppen in Kaschmir kam es zu Feuergefechten, bei denen sieben Menschen starben. Seit dem Abzug der britischen Kolonialmacht ist der frühere Fürstenstaat Kaschmir geteilt. Pakistan kontrolliert den Nordwesten, Indien den Südosten. Über ein drittes Stück im Hochgebirge wachen die Chinesen.

Das Dorf Tral im Süden Kaschmirs hatten Sicherheitskräfte schon vor dem Wochenende abgeriegelt, außerdem schalteten die Behörden zeitweise die Mobilfunknetze aus. Der Ort, umgeben von dichtem Wald, ist die Heimat von Burhan Wani. Im Herbst 2016 war es noch möglich, den Vater des Getöteten zu besuchen, am Wochenende des 8. Juli fand kein Journalist mehr den Weg nach Tral. Alle Zufahrten waren blockiert. Der Vater von Burhan ist ein nachdenklicher Mann mit langem Bart, er leitet eine Sekundarschule. Beim Gespräch in seinem Haus hat Muzaffar Wani damals erzählt, wie er schon zwei Söhne verloren hat, die in den Kampf gezogen waren. Der Vater ist keiner, der hetzerisch auftritt, er erzählt, wie Burhan entschied, sich den Aufständischen anzuschließen, nachdem er und sein Bruder von Sicherheitskräften verprügelt worden seien. Er wolle sich nicht weiter demütigen lassen, habe er gesagt. So zog er los und stieß zu einer militanten Gruppe, die Indien als Terroristen einstuft. Wani postete Videoclips aus den Bergen, er stieg zum Social-Media-Star auf.

Polizeioffiziere klagen, dass die Jugendlichen von Terrornetzwerken in Pakistan aufgestachelt, finanziert und gelenkt würden. Indien tut sich schwer, eine Strategie der Befriedung zu entwickeln. Dass sich die Feindschaft zwischen den Atommächten oft in Kaschmir entlädt, erschwert eine Lösung.

Der Aufstand der Jugend deutet darauf hin, dass die Kluft tiefer wird

Als 1989 der große Aufstand in Kaschmir losbrach, wurde die Minderheit der Hindus vertrieben, bis heute sind die Verbrechen ungesühnt, die Geflohenen konnten nicht zurück. In Kaschmir wiederum wächst das Misstrauen der muslimischen Bevölkerung gegenüber der hindu-nationalistischen Partei, die nun in Delhi regiert. In indischen Medien ist die Rede davon, dass das Lager von Premier Narendra Modi noch weniger zum Dialog mit Kräften in Kaschmir bereit sei als seine Vorgänger. Die Entfremdung von Delhi mischt sich mit dem Zorn eines Volkes, das sich seit langer Zeit ausgeliefert fühlt. Viele Bewohner erzählen von Folter und Verfolgung durch Polizei und Armee. Unabhängige Beobachter haben selten die Möglichkeit, Berichte über Gewalt dieser Art zu überprüfen.

Indien hat bislang keine Strategie gefunden, um die Bevölkerung in Kaschmir mit dem Staat zu versöhnen, im Gegenteil: Der Aufstand der Jugend deutet darauf hin, dass die Kluft tiefer wird. Rufe nach politischen Lösungen verhallen. Gespräche kommen nicht in Gang. Und so geschieht, was der Kommentator Sushant Singh im Indian Express beschrieben hat: "Die Armee kann Aufständische erledigen, aber nicht den Aufstand." Dafür sei politisches Engagement nötig. Ein Aufständischer könne nur mit dem Rückhalt im Volk überleben. Deshalb müsse Indien auf die Bevölkerung zugehen. Am Todestag von Burhan Wani war davon nichts zu spüren. Die Zeichen standen auf Konfrontation.