Kaschmir Rivalen mit der Bombe

Indien und Pakistan eskalieren in bedroh-lichem Tempo den Konflikt um Kaschmir. Die Nuklearmächte reizen sich bis aufs Blut und verweigern jede Mäßi-gung.

Von Arne Perras

Verwunschene Gärten, malerische Seen, schneebedeckte Gipfel. Die legendäre Schönheit der Berge von Kaschmir ist im Laufe der Jahrhunderte oft beschrieben worden. Nur: Genießen kann sie niemand. Für romantische Gedanken bleibt kein Platz, schon gar nicht in diesen Tagen, wo sich der Konflikt um den einstigen Fürstenstaat am Südrand des Himalajas wieder gefährlich aufheizt.

Wer hier nur alte Gebietsstreitigkeiten irgendwo in fernen Bergen erblickt, der verkennt das Eskalationspotenzial. Denn Kaschmir ist umringt von drei hochgerüsteten asiatischen Atommächten, die jeweils einen Teil des Gebiets kontrollieren: Pakistan, Indien und China. Bricht dort ein Krieg aus, so schwingt immer das Risiko einer nuklearen Konfrontation mit. So weit ist es noch nicht gekommen. Doch lässt sich die Gefahr eines Atomschlags nie ausblenden.

Indien und Pakistan finden keinen Weg zur Entspannung

Die unangenehme Wahrheit lautet: Von allen Krisengebieten der Welt ist Kaschmir jenes mit der größten Sprengkraft. Noch verstörender ist, dass die Staatengemeinschaft kaum Hebel hat, um die Krise zu entschärfen. Nicht einmal die USA wären wohl in der Lage, das Schlimmste zu verhindern.

Herrschte Frieden in Kaschmir, würden Touristen die Täler in so großen Scharen besuchen, dass die Schweiz vor Neid erblasste. Doch nicht Hotelbetten werden jetzt gezählt, sondern Terrorattacken und Nuklearsprengköpfe. China hält sich dabei im Hintergrund, es kontrolliert nur einige unbewohnte Höhen und erhebt keine weiteren Ansprüche. Doch Indien und Pakistan belauern sich schon seit dem Ende des britischen Kolonialreichs. Auf dem Siachen-Gletscher in 5400 Metern Höhe verläuft die höchste Frontlinie der Welt. Zwei Kriege haben die verfeindeten Bruderstaaten um Kaschmir schon geführt. Und jetzt schaukeln sich die Spannungen wieder hoch, seitdem ein Terrorkommando 18 indische Soldaten getötet hat und Delhi Vergeltung übte.

Indien prangert Pakistan als Paten des Terrors an, was Islamabad vehement zu-rückweist. Gleichzeitig lässt Pakistan ein-fließen, dass es seine taktischen Nuklearwaffen nicht nur fürs Schaufenster entwickelt habe. Wie eine Kragenechse plustern sich die Kontrahenten auf, um zu signalisieren: Unterschätze mich nicht, ich bin viel stärker. Tatsächlich hat Islamabad einen atomaren Erstschlag nie ausgeschlossen. Delhi hingegen schon. Aber was bedeutet das in Zeiten wachsender Spannungen? Wäre ein Atomkrieg also wirklich denkbar?

Bislang hat das Gleichgewicht des Schreckens gehalten. Indische Strategen sprechen bei ihrem Atomarsenal gar von "Waffen des Friedens". Ein paradoxer Begriff, in dem sich spiegelt, wie hoch die Einsätze sind. Das Kalkül geht so: Weil Indien und Pakistan über genügend Schlagkraft verfügen, sich gegenseitig völlig zu vernichten, wird keiner den Drücker betätigen. Das Prinzip der Abschreckung klingt schlüssig, solange Vernunft die Oberhand behält. Doch man kann auch das Zittern bekommen, angesichts der immensen Verantwortung, die auf den Regierungen und Armeen lastet.

Bei der Konfrontation zwischen Delhi und Islamabad wird oft ausgeblendet, was den Kaschmirkonflikt so stark befeuert. Weil dort überwiegend Muslime leben, will Pakistan den Anschluss des gesamten Gebietes erreichen. Indien kontrolliert jedoch den größeren Teil und hat klargemacht, dass es seinen Anspruch niemals aufgeben wird. 1947 hat sich der regierende Maharadscha in Kaschmir, ein Hindu, für Indien entschieden. Ein von den UN gefordertes Plebiszit über die Frage, ob die Kaschmirer zu Pakistan oder Indien gehören wollen, fand nie statt. Dass viele Einheimische am liebsten völlig eigenständig wären, will in den Hauptstädten der Atommächte keiner hören.

Seit drei Monaten rebelliert die Jugend im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs. Delhi kann die Proteste kaum eindämmen. Der Einfluss pakistanischer Extremisten ist spürbar, doch erklärt er nicht alleine, warum die Wut der Kaschmirer so groß ist. Viele von ihnen betrachten die indischen Truppen als brutale Besatzer. Militärisch lässt sich die Region kaum in den Griff bekommen, nur Aussöhnung könnte helfen. Pakistan und Indien müssten gemeinsam eine Lösung suchen, was nur gelingen kann, wenn auch die Stimmen der Kaschmirer gehört werden. Von solchen Gesprächen aber sind die Rivalen Lichtjahre entfernt.

So wird die Welt weiter machtlos auf Südasien blicken, ihr fehlen die Hebel. Delhi verbietet sich jede Einmischung, und Islamabad hat sein Terrorproblem nicht im Griff. Die Ohnmacht ist fast so bedrückend wie die atomare Zerstörungskraft, die sich hier zusammenballt.