Justiz in den USA Schwarze werden aus Prinzip verdächtigt

Was ist der Treibstoff dieser Bestrafungswut? Angst, Hass, Panik? Bryan Stevenson seziert ein Bündel von Ursachen - von der zum Glaubensbekenntnis mutierten Doktrin der Abschreckung bis hin zu privaten Gefängnisbetreibern, die als Lobbyisten in eigener Sache auftreten und mit Millionenspenden dafür sorgen, dass Politiker ständig neue Strafdelikte in die Gesetzbücher schreiben und Medien Horrorszenarien steigender Kriminalität in die Welt setzen.

"Weiße haben Angst vor mir"

Dominique Oliver kommt aus Baltimore und wurde als Kind das erste Mal "Nigger" genannt. Er weiß, was Rassenhass bedeutet - und erlebte ihn auch auf der Elite-Uni. mehr ... jetzt.de

Vor allem aber rückt er den seit Jahrhunderten tief verwurzelten Rassismus in ein grelles Licht - und betont zu Recht, dass es sich im Kern um einen kollektiven Wahn handelt. Nur von einem dünnen Firnis überzogen, kann er jederzeit um sich greifen.

Als Schwarzer wird man aus Prinzip verdächtigt, gefürchtet und im Zweifel für schuldig befunden, zumal, wenn intime Beziehungen zu weißen Frauen ins Spiel gebracht werden - siehe den Fall Walter McMillian. Deshalb bleibt dem kantigem Resümee leider nichts hinzuzufügen: "Man kann den Eindruck gewinnen, dass wir uns zu früh über die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung gefreut haben."

Bemerkenswerte Urteile

Der Oberste Gerichtshof hat, auch darauf legt Bryan Stevenson großen Wert, seit 2002 mit einigen bemerkenswerten Urteilen Grenzen gesetzt.

Heute gilt die Hinrichtung geistig Behinderter und die Todesstrafe für Minderjährige für verfassungswidrig, zu lebenslänglich verurteilte Jugendliche haben ein Anrecht auf Haftprüfung und vorzeitige Entlassung. Und Kaliforniens Wähler haben 2012 in einem Volksentscheid das "Three Strike"-Gesetz und damit die Regel abgeschafft, dass eine dritte Straftat - egal wie banal - automatisch mit "lebenslänglich" geahndet wird.

Wofür aber steht der Fall des kalifornischen Richters, der die lebenslange Haftstrafe gegen einen Jugendlichen formal aufhob und stattdessen 175 Jahre Gefängnis verhängte? Offensichtlich ist dabei weit mehr im Spiel als individuelle Bosheit - nämlich allgemein akzeptierte Gleichgültigkeit, Kälte und Verachtung gegenüber jenen, die ihren Platz in der gesellschaftlichen Normalität verloren haben.

Darauf richtet Stevenson unser Augenmerk. Und nicht zuletzt auf die Frage, wie lange sich eine Gesellschaft die Praxis erbarmungslosen Strafens leisten kann, ohne in ihrer Substanz Schaden zu nehmen. Dass selbst Unerschrockene wie er bisweilen vor dem unfassbaren Aufwand ihrer Arbeit zu verzweifeln scheinen, steht am bedrückenden Ende eines aufrüttelnden Buches.

Bernd Greiner, spezialisiert unter anderem auf die neuere Geschichte der USA, arbeitet am Institut für Sozialforschung in Hamburg.

Apartheid in Uniform

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