bedeckt München 20°

Justiz:Eine Bombe im Schulranzen

Halil D. soll einen Anschlag geplant haben - im Prozess liefert er eine kuriose Erklärung für den Sprengstoff-Fund.

Von Susanne Höll, Frankfurt

Seit gut einem Jahr sitzt Halil D. in Untersuchungshaft, seit knapp fünf Monaten steht er in Frankfurt vor Gericht. Bislang hatte sich der 36 Jahre alte Deutsche mit türkischen Wurzeln, der als Bombenbauer aus Oberursel bundesweit bekannt wurde, mit keinem Wort zu den ursprünglichen Terror-Anschuldigungen geäußert.

Inzwischen hat das Gericht den Vorwurf der Staatsanwälte verworfen, Halil D. habe einen islamistisch motivierten Anschlag geplant, womöglich auf das Frankfurter Radrennen am 1. Mai, das 2014 deshalb abgesagt worden war. Im Keller seines Hauses in Oberursel wurde eine selbstgebaute, mit Nägeln gefüllte Rohrbombe gefunden, dazu Waffen, Munition und Chemikalien, die zum Bombenbau hätten dienen können. Nun, da die Anschuldigung einer staatsgefährdenden Straftat vom Tisch ist, spricht auch der Angeklagte. Sein Anwalt Ali Aydin verliest eine Erklärung, es ist die enttäuschte Abrechnung eines zugegebenermaßen eigentümlichen Menschen mit den Sicherheitsbehörden.

"Ich fühlte und fühle mich ungerecht behandelt", lautet das Credo seiner Erklärung. Er ist offenkundig ein Waffennarr, er war in früheren Jahren mit einer Druckluft-Pistole und einem gefährlichen Messer erwischt worden. Die Bombe hat er tatsächlich gebastelt, vor 20 Jahren, als Schüler im hessischen Kassel, wie Zeugen aussagten. Sie wollten angeblich Zigarettenautomaten sprengen, weniger der Glimmstängel als des Knallens wegen. Die Bombe nahm er beim Umzug nach Südhessen aus dem Keller des Elternhauses mit, noch in der alten Schultasche. Und will sie dann vergessen haben. Als die Polizei vor gut zwei Jahren seine Wohnung stürmte, die Bombe fand, ihn und seine Frau in Untersuchungshaft mitnahm und die beiden Kinder in Obhut gaben, habe er gedacht: "Das Missverständnis wird sich bald klären." Doch dem war nicht so.

Die Staatsanwälte sahen in dem ehemaligen Chemiestudenten einen gefährlichen Islamisten, der sich selbst radikalisiert hatte. Tatsächlich ist Halil D. ein strenggläubiger Mensch. Zum Auftakt des Prozesses weigerte er sich, beim Eintreten des Gerichts aufzustehen, mit der Begründung, das verbiete der Islam. Er soll Kontakte zu islamistischen Gruppen gepflegt haben, überliefert ist sein Satz: "Allah wird die Gefahr durch unsere Hände strafen." Den Sinn wollte Halil D. nicht kommentieren, sein Anwalt sagte, da gehe es um das Jenseits, nicht das Diesseits.

Verantworten muss sich Halil D. noch wegen des Vorwurfs von Verstößen gegen Waffen- und Sprengstoffgesetze. Diese dürften mit der Untersuchungshaft in etwa abgegolten sein. Am 4. Juli wird das Urteil erwartet. Sobald er auf freiem Fuß ist, will Halil D. mitsamt der Familie in die Türkei übersiedeln. In Deutschland, so sagt er, hätten seine Kinder keine Perspektive. Denn ihr Vater stehe im Ruf, ein "Top-Terrorist" zu sein.

© SZ vom 17.06.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite