Japan und der Tenno:Ein Kaiser, moderner als sein Land

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Kaiser Akihito wird 80

Kaiser Akihito an seinem 80. Geburtstag

(Foto: dpa)

Er ist "das Symbol Japans und seiner Einheit": Mit viel Menschlichkeit und Bescheidenheit setzt sich der japanische Kaiser Akihito von der gegenwärtigen Politik ab. Denn Japans Politiker tun sich schwer damit, das Land aus einer Sackgasse zu befreien.

Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Würdig lächelnd und etwas gebrechlich winkte Kaiser Akihito am Montag zur Feier seines 80. Geburtstags vom verglasten Balkon seines Palasts dem Volk zu, neben ihm Gattin Michiko und seine Familie. Mehr Volksnähe lässt das kaiserliche Hofamt nicht zu.

Der Tenno ist "das Symbol Japans und seiner Einheit", so sieht es die japanische Verfassung vor. Ein Staatsoberhaupt ist er nicht. Der Kaiser hat keine politischen Funktionen, auch keine zeremoniellen wie die gekrönten Häupter anderer konstitutioneller Monarchien. Er hat noch nicht einmal Spielraum, seine Rolle zu interpretieren. Umgekehrt darf die Politik ihn nicht instrumentalisieren. Das achthundert-köpfige Hofamt steuert jeden Schritt der kaiserlichen Familie.

Die extreme Rechte will ihn vereinnahmen

Dennoch ist es Akihito in den 25 Jahren seit seiner Thronbesteigung gelungen, ein eigenes Profil zu demonstrieren. Mit viel Menschlichkeit und Bescheidenheit setzt er sich von der gegenwärtigen Politik ab. Im Volk, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Tenno abgewendet hatte, trägt ihm das große Sympathien ein. Die extreme Rechte dagegen, die in Japan durchaus salonfähig ist, attackiert ihn als zu lau. Sie möchte ihn in ihren aggressiven Nationalismus einbinden. Auch dafür dürfte Premier Shinzo Abe die Verfassung ändern wollen. Als im Herbst ein junger Abgeordneter dem Tenno bei einem Empfang einen Brief überreichte, mit dem er ihn auf das Schicksal der Opfer von Fukushima aufmerksam machen wollte, reagierte das konservative Japan empört.

So etwas tue man nicht, es beleidige den Tenno. Außerdem könnte der Abgeordnete gegen die Verfassung verstoßen haben. Das Parlament rügte ihn. Und das Hofamt triumphierte, der Tenno habe den Brief nicht gelesen. Der Kaiser selber jedoch deutete einige Tage danach Sympathie für den jungen Mann an.

Die japanische Verfassung wurde im Februar 1946 von den US-Besatzern in aller Eile entworfen. Dennoch ist sie eine gute, sogar beispielhafte Verfassung, entstanden als Synthese aus der Lektüre anderer demokratischer Grundgesetze. Dass sie das Kaisertum beibehielt, dem Monarchen aber keine Rolle zugedacht hat, versteht sich einerseits aus der bis heute nicht geklärten Mittäterschaft von Kaiser Hirohito, dem Vater Akihitos, bei den Aggressionen Japans im Zweiten Weltkrieg.

Im Selbstverständnis in der Nachkriegszeit stecken geblieben

Andrerseits spiegelt dieses Sowohl-als-auch - Japan hat einen Kaiser, aber der hat keine Funktion - das gegenwärtige Nippon, das in seinem Selbstverständnis bis heute in der Nachkriegszeit stecken geblieben ist: Es will sich seinen Nachbarn nähern, aber seine üble Rolle in der Geschichte dieser Nachbarschaft nicht aufarbeiten. Es will ein offenes Land sein, aber nicht auf seine rassistischen Vorurteile verzichten. Es will eine moderne Gesellschaft sein, ohne von sozialen Stereotypen wie den Geschlechterrollen abzulassen. Und es will eine globalisierte Wirtschaftsnation sein, aber nicht auf den alten Protektionismus verzichten.

Dieses Japan steckt in einer Sackgasse. Es kann nicht mehr weiter wie bisher, will sich aber nicht ändern. Zumindest seine Politiker wollen das nicht. Sie können sich noch nicht einmal darauf einigen, dass ein Tenno, wenn ihm kein männlicher Nachfolger geboren würde, den Thron einem Mädchen vererben könnte. Dabei gab es in der japanischen Geschichte durchaus Kaiserinnen.

Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko haben jüngst auf ganz persönliche, auf stille Weise einmal mehr gezeigt, dass sich Dinge ändern sollen. Sie kündigten an, sich nach ihrem Tod einäschern lassen zu wollen, wie die meisten Japaner. Auch das ist subtile Volksnähe. Seit vierhundert Jahren ist in Japan kein Kaiser mehr feuerbestattet worden.

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