Italien Schrecklicher Tribut

Natürlich kennen die Italiener die Gefahr, die im Inneren der Erde lauert. Maßnahmen zur Vorsorge gäbe es genug - doch nur zu oft werden sie nicht ergriffen. Gute Gründe dafür gibt es eigentlich nicht.

Von Oliver Meiler

Das kollektive Trauern hält nie lange an. Dieses alles zerreißende Gefühl in der Brust beim Anblick der staubigen Schuttberge, die so verstörend frisch riechen wie neue Baustellen: Bei vielen Italienern schwindet es bereits und macht dem Zorn Platz. "Meine Wut", schreibt die Schriftstellerin Dacia Maraini schon am Tag nach dem großen Beben im Herzen Italiens, "ist größer als mein Schmerz." Es ist die Wut über das Unvermögen ihres schönen Landes, sich seiner Zerbrechlichkeit endlich gewahr zu werden und sich zu schützen vor den absehbaren Tragödien. So wie das zum Beispiel die Japaner täten.

Maraini hat als Kind acht Jahre lang in Japan gelebt, hat viele Erdbeben erlebt, "auch schreckliche". Doch nie sei ein Haus eingestürzt. Nun, nach jedem Unglück, bemüht jemand in Italien den Vergleich mit Japan, obschon man sich ja kaum zwei Kulturen vorstellen kann, die unterschiedlicher sind als eben die japanische und die italienische - in allem. Auch in der Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Gefahren ihres launischen Bodens.

Noch immer sind selbst 70 Prozent der neueren Häuser nicht erdbebensicher

Seit der Einigung Italiens 1871 hat die Erde hier schon 35 Mal heftig gebebt. Nicht nur im besonders exponierten Zentrum des Landes. Der Apennin zieht sich wie eine Wirbelsäule durch Italien. Doch sie ächzt unter der Last. Amatrice, Accumoli, Arquata, Pescara del Tronto - die Namen der getroffenen Dörfer reihen sich ein in die lange Serie von Namen anderer Dörfer, die es vor ihnen getroffen hat und die ebenfalls in sich zusammenfielen. Chiffren für gesellschaftliche Sorglosigkeit und politisches Unvermögen, das längst eingestanden ist, aber nie behoben wurde.

Auf den Notfall aber reagieren die Italiener immer mit viel Herz, schnell und engagiert, mittlerweile auch gut koordiniert. Kaum hatte es gebebt, in der Nacht auf den 24. August, waren Kolonnen von Helfern auf dem Weg in die entlegenen Bergortschaften. Aufgemacht haben sich auch viele Freiwillige, die schon im nahe gelegenen L' Aquila geholfen hatten, wo es 2009 ähnlich stark bebte. Man begegnete ihnen beim Fußmarsch hinauf nach Amatrice, Schaufeln und Pickel auf den Rücken gebunden.

Schwieriger ist das Nachher, schwieriger ist es mit den bitteren Lehren, die gezogen werden sollten. Eigentlich bräuchte es ein massives, teures, nationales Investitionsprogramm, um die Italiener vor ihrer Scholle zu schützen. Die Zeitung Il Manifesto schreibt: "In keinem anderen industrialisierten Land mit ähnlichem Erdbebenrisiko zerfallen die Häuser zu Staub wie bei uns, jedes Mal, wenn die Erde zittert. Das ist ein historisches, moralisches, politisches Versagen." Und ein kulturelles.

Nun, zunächst muss man sagen, dass die Zentren vieler italienischer Dörfer im Mittelalter erbaut wurden, in Zeiten also, da es noch keine Baunormen gab, die der seismischen Gefahr Rechnung tragen. Die schönen Kirchen, Klöster und Palazzi in den Erdbebengebieten müssten befestigt werden, alle. 70 Prozent der neueren Häuser wiederum, private wie öffentliche, sind nicht erdbebensicher - es sind auch viele dabei, die gebaut wurden, als es bereits strenge Baunormen gab. Das Problem sei deren praktische Anwendung, schreibt der Corriere della Sera. Allzu oft würden Gesetze ignoriert. Die Italiener nennen das Phänomen "abusivismo", illegales Bauen, es durchdringt alles. Wer ohne den ganzen Bürokratiekram bauen kann, der baut einfach mal und wartet dann darauf, dass der Staat den Bau mit einer großen Amnestie legalisiert. Im Nachhinein. So ist Vorsorge insgesamt schwierig. Es stürzt in Italien auch immer mal wieder ein Haus ein, ohne dass die Erde bebt, weil jemand einfach ein Stockwerk aufgesetzt hat, ohne an die Statik zu denken. Der "abusivismo" hat sich in die Kultur gefressen.

Besonders tragisch ist das natürlich in den gefährdeten Gebieten. Amatrice und die umliegenden Dörfer galten als "sehr gefährdet". Und doch, schreibt die Zeitung La Repubblica, versäumte es die Gemeinde, die vielen Millionen, die sie für ihren Schutz erhalten hat, auch so auszugeben, dass die Häuser die Folgen eines großen Bebens besser hätten aushalten können und der Tribut an Menschenleben kleiner ausgefallen wäre. 700 000 Euro zum Beispiel gab es für die Arbeiten an der Schule, der "Scuola Romolo Capranica". Das Geld stammte aus einem Fonds, der vor 14 Jahren nach einem schweren Erdbeben in der Region Molise eingerichtet worden war. Damals kamen in der Schule von San Giuliano 27 Kinder um, sie saßen gerade im Unterricht, die Decken fielen ihnen auf die Köpfe, die Mauern kippten um. Es hieß, das dürfe nie wieder passieren. Amatrice baute seine Schule 2012 um. Es gibt Bilder von der Einweihung, sie stand unter dem Slogan "Sichere Schule". Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob das Geld tatsächlich dafür eingesetzt wurde, um die Schule erdbebensicher zu machen. Die Ermittler haben da ihre Zweifel, denn die "Scuola Romolo Capranica" steht nur noch zur Hälfte. Unterricht wird es darin nie mehr geben.

2012 wurde eine Schule angeblich erdbebensicher gemacht. Sie steht jetzt nur noch zur Hälfte

Auch das Krankenhaus Grifoni am Dorfeingang sollte großen Umbauarbeiten unterzogen werden für zwei Millionen Euro. Das Geld war offenbar längst versprochen, wurde aber nie für den Umbau eingesetzt. In der Nacht des Bebens mussten alle Patienten ausgelagert werden auf den offenen Parkplatz, auch solche mit Infusionen. Die Risse an den Fassaden sind so tief, dass es unmöglich erscheint, den Komplex zu sanieren. La Repubblica erinnert auch daran, dass nach dem Erdbeben von L' Aquila der nationale Zivilschutz fast eine Milliarde Euro ausschrieb, damit Hauseigentümer nach einem genauen Aufteilungsschlüssel Schutzarbeiten an ihren Gebäuden finanzieren konnten. Je gefährdeter der Ort, desto größer war die Zuwendung. Für Amatrice und Accumoli, ganz oben auf der Risikoskala, sollten vier Millionen Euro zur Verfügung stehen. Das Programm aber verkam zum Flop. Kein Euro davon gelangte je nach Amatrice und Accumoli.

Und so kam es einmal mehr zum tragischen Notfall, bevor die Vorsorge überhaupt hätte greifen können. Der Bürgermeister von L' Aquila, Massimo Cialente, sagt: "Wir haben uns daran gewöhnt, starke Antibiotika einzunehmen, sind aber unfähig, der Krankheit vorzubeugen." Cialente ist von Beruf Arzt. Er war einer der Ersten, der in Amatrice eintraf in der Nacht, als die Wirbelsäule Italiens mal wieder unter ihrer Last erzitterte.