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Italien nach der Wahl:Fünf weitere Jahre mit dem alternden Tycoon

Jeder Milliardär kann sich sein Schiff oder Flugzeug leisten, aber ein eigenes Land hat nur Silvio Berlusconi.

Silvio Berlusconi hat es also wieder geschafft. Obwohl ich und die meisten meiner Freunde uns bis zum Schluss weigerten, dies zu glauben - er selbst hatte nie daran gezweifelt. Im Gegenteil, er war seiner so sicher, dass er zu Beginn des Rennens angab, keinen Wahlkampf notwendig zu haben - was viele Menschen als anmaßend empfanden. Er aber insistierte darauf, mit einem Zehn-Prozentpunkte-Vorsprung zu gewinnen, und dass seine Verbündete, die Lega Nord, ihre Stimmen verdoppeln würde.

Der Schriftsteller Andrea De Carlo hat 15 Romane geschrieben, die in 21 Sprachen übersetzt wurden. Im Herbst erscheint "Das Meer der Wahrheit" bei Diogenes

(Foto: Foto: oh)

Nun schauen ihn auch manche seiner Gefolgsleute wie eine Art Hellseher an. Aber er verfügte über ein erstaunliches Selbstbewusstsein und einen ziemlich guten Meinungsforscher. Diese Kombination machte es ihm einfacher, die Zukunft vorherzusagen.

Immer wenn ich Walter Veltroni, den Chef der Demokratischen Partei, und seinen Hauptrivalen im Wahlkampf sah, dachte ich: Kein Zweifel, Veltroni sieht nicht nur viel jünger aus und hört sich auch so an. Alles in allem war er der bessere Kommunikator, viel energiegeladener in seiner Diktion. Er verbreitete eine optimistischere Botschaft, so wie er die Stufen zur Bühne hoch sprang und stets bereit war, eine neue schwierige Frage anzugehen, wenn er unermüdlich von einer Stadt zur nächsten fuhr.

Aber es war nicht bloß der äußere Schein. In sehr kurzer Zeit gelang es ihm, die zwei großen Mitte-links-Parteien zu einer einzigen zu verschmelzen und sich von der widersprüchlichen, zügellosen Koalition aus winzigen katholischen und ultralinken Parteien zu lösen. Die hatte dem Ministerpräsidenten Romano Prodi in den zwei Jahren seiner Amtszeit an jeder substanziellen Reform gehindert (einschließlich der, bei der es um Berlusconis Interessenkonflikte ging).

Veltronis Entscheidung, unter dem Motto "Eine Partei, ein Programm" die neokommunistische Rifondazione und die anderen kleineren Gruppierungen abzuschütteln, waren mutig und vielversprechend. Dadurch hatte er Gianfranco Fini, Berlusconis treuen Verbündeten vom rechten Flügel, gezwungen, unter dem Markennamen Popolo della Libertà seine Partei Alleanza Nazionale mit Berlusconis Forza Italia zu verschmelzen. Die politische Szenerie ist dadurch viel übersichtlicher geworden.

In seinen Reden pflegte Veltroni zu sagen: "Wir sind das permanente Gezänk und die Erpressungen leid, die endlosen Sitzungen und Balance-Akte, die immer wieder erneuerten Kompromisse. Mit nur einer Partei und einem Chef werden wir am Ende in der Lage sein, eine neue Zeit der Reformen zu beginnen." Und zum Beispiel die Bürokratie zu reduzieren, einige der unfassbaren Privilegien von Politikern abzubauen, den Müll in Kampanien aufzuräumen, den Süden aus dem Schwitzkasten der Mafia zu befreien, die Unternehmer des Nordens zu fördern. Das hörte sich alles logisch, überzeugend und vielversprechend an.

Im Gegensatz dazu wirkte Berlusconi alt und müde auf mich, mit seinen Zweireihern, der Beschäftigung mit seinen Haaren, seinen Jacketkronen und seinem gelifteten, künstlich gebräunten Gesicht. Wenn ich seinen Reden zuhörte, konnte ich auch nicht die Spur seines ursprünglichen grellen Elans entdecken. Seine Verkäuferstimme war einer leicht heiseren, weniger nachhallenden Monotonie gewichen. Ich sah in ihm einen alternden Tycoon, müde und desillusioniert, zunehmend ohne Berührung mit der Realität, der sich auf Klischees und alte Witze verließ.

Die Clownerie war noch da, der Antrieb aber nicht. Die meisten seiner Slogans hörten sich abgestanden an - und ebenso seine Manie über die Gefahren des Kommunismus, seine andauernden Beschwerden, nicht genug Sendezeit im Fernsehen zu bekommen (Das sagt ein Mann, dem drei landesweite TV-Sender gehören!), sein Gezetere über vergangene und künftige Wahlschwindeleien, als ob er ein Debakel erwartet hätte. Und er leistete sich weiter Missgriffe, zum Beispiel, als er in einer Live-Sendung einer jungen Frau, die gerade ihren Abschluss gemacht hatte, zu ihren Berufsaussichten sagte: "Nun, wenn ich zu Ihnen wie ein Vater sprechen könnte, wäre mein Rat: Versuchen Sie, einen Millionärssohn zu heiraten." Oder er teilte mit, die Lösung für Alitalia gefunden zu haben, die Fluggesellschaft am Rande des Bankrotts - ohne aber in der Lage zu sein, mögliche Käufer zu nennen.

Der ist am Ende, dachte ich, vorbei. Je mehr ich die beiden Kandidaten verglich, umso mehr fühlte ich, dass Italien einen Wandel erleben und endlich aus dem Morast herauskommen würde, in dem es so lange festsaß.

Nun gut, es zeigt sich, dass ich tödlich daneben lag. Weil sich Silvio Berlusconi, unter seiner müden Maske und dem gefärbten, transplantierten Haar, seine Marketing-Fähigkeiten erhalten hat. (Apropos, Sie sollten gesehen haben, wie der Kurs seines Mediaset-Konzerns nach oben schoss in dem Moment, da das Ausmaß seines Sieges feststand.) Er besiegte Veltroni mit fast zehn Prozentpunkten Vorsprung, wie er es prophezeit hatte. Und die Lega Nord, seine xenophobische, protektionistische Alliierte, verdoppelte ihre Stimmen.

Also werden die Italiener ihn in den nächsten fünf Jahren als Regierungschef am Hals haben, und womöglich als Staatspräsident in den darauffolgenden sieben. Erneut müssen wir seine Arroganz, seinen vulgären Geschmack, seine Prahlerei, seine triebhafte, eigennützige Lügnerei ertragen. Er ist ein enorm reicher Mann, der seine beiden ersten Amtszeiten dazu genutzt hat, noch reicher zu werden, und er hegt jede Absicht, es beim dritten Mal genauso zu machen.

Ich vermute, je älter er wird, umso mehr wird er dem ultimativen Luxus frönen, und mit seinen Staatschef-Freunden wieder Staatschef spielen. Seine Villen auf Sardinien werden bereits hergerichtet, um seinen alten Kumpel Wladimir Putin zu empfangen. Ich stelle mir die lustigen Tage vor, die sie haben werden, all die Meeresfrüchte, die Lieder, die Fernsehschönheiten. Jeder Milliardär kann sich sein privates Flugzeug oder Schiff leisten, aber nur Signor Berlusconi kann sich ein eigenes Land leisten.

Eine weite Mehrheit der Italiener scheint zu wollen, dass er das machen darf. Warum? Vielleicht, weil er versprochen hat, niemals die Steuern zu erhöhen, und ein paar sogar abzuschaffen. Vielleicht, weil sie seinen Stil tatsächlich mag. Vielleicht, weil er eine solch perfekte Verkörperung italienischer Mängel und Laster ist, dass jede Erwartung, er werde sich an Regeln halten, seinen Wählern so blasphemisch vorkommt, als wolle man den Schiefen Turm von Pisa richten. (Was mich betrifft, habe ich in den vergangenen Tagen viele Stunden im Internet verbracht, auf der Suche nach einem kleinen Landhaus in Frankreich.)

Der Schriftsteller Andrea De Carlo hat 15 Romane geschrieben, die in 21 Sprachen übersetzt wurden. Im Herbst erscheint "Das Meer der Wahrheit" bei Diogenes.

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Die Karriere von Silvio Berlusconi