Brigate Rosse Neue Beichte im Fall Aldo Moro

Das Foto, das Aldo Moro in der Gewalt der Roten Brigaden zeigt, wird weltbekannt.

(Foto: dpa)

"Wenn ich rede, dann wackeln die Pulte des halben Parlaments": 37 Jahre, nachdem die Roten Brigaden Aldo Moro entführten und hinrichteten, bricht ein Mafia-Boss sein Schweigen. Die Aufnahmen werden sofort versiegelt.

Von Oliver Meiler, Rom

Es gibt Neues im Fall Aldo Moro. Und das klingt zunächst wie ein Hohn: Aldo Moro wurde 1978 ermordet. Vor mehr als 37 Jahren also. Von den Roten Brigaden. Es war ein Trauma sondergleichen für die Republik, für Italien.

Das ikonenhafte Bild aus der Geiselhaft, das den Christdemokraten müde lächelnd und unrasiert unter dem Symbol und dem Schriftzug der Linksterroristen zeigt, die Tageszeitung La Repubblica vor der Brust, war noch schwarzweiß. So lange ist das her. Aufgeklärt aber wurde der Fall nie.

Es gibt also Neues über die Entführung und Ermordung des früheren italienischen Ministerpräsidenten, ausgebreitet auf 188 Seiten eines Berichts der zuständigen parlamentarischen Untersuchungskommission, der "Commissione Moro". Es ist ein Zwischenrapport nach 46 Anhörungen und 58 Sitzungen.

Halbe Million neuer Dokumente

Genährt wurde er vom Studium einer halben Million neuer Dokumente. Mit neuem Fotomaterial werden gerade 3-D-Animationen erstellt, um die Szene des Hinterhalts zu rekonstruieren, mit allen Gesichtern der Schaulustigen darauf. Von einigen nimmt man an, dass sie nicht zufällig dort standen.

Manches im Bericht ist erst angedeutet, weil es noch vom Staatsgeheimnis gedeckt wird. So vor allem die Aussagen des ehemaligen Oberbosses der Camorra, Raffaele Cutolo, der nun plötzlich redet, nachdem er bisher immer gelobt hatte, er werde nie reden. Eine Sensation. Man hält Cutolo für einen glaubwürdigen Zeugen, vielleicht sogar für den zentralen Zeugen bei der Aufarbeitung des Falls. Das mag erstaunen, zumindest auf den ersten Blick, da Cutolo damals im Gefängnis saß.

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Erstaunlich ist auch, dass die Mitglieder der Parlamentskommission den Bericht einstimmig angenommen haben. Das kommt selten vor in Italien, gerade bei einem großen Fall wie diesem, einem sogenannten Mistero d' Italia, einem scheinbar ewigen, unsäglichen Rätsel des Landes.

Der 16. März 1978 ist ein Donnerstag. Italien soll an diesem Tag eine neue Regierung erhalten. Als Präsident der Democrazia Cristiana, der mächtigsten Partei im Land, ist Aldo Moro eine Schlüsselfigur. Und er ist einer der Vordenker des "Historischen Kompromisses".

Vorbei an der Bar Olivetti

So nennt man den kontroversen Versuch, die rivalisierenden Kommunisten und Christdemokraten in einer Regierung miteinander zu verbünden, zur Errettung der gefährdet gewähnten Demokratie. Mitten im Kalten Krieg. Auch im Ausland, im Spannungsfeld zwischen Washington und Moskau, schaut man mit viel Argwohn auf Moros Bemühungen. Keine kommunistische Partei im Westen ist in dieser Zeit so stark wie der PCI, der Partito Comunista Italiano.

Via Fani, Rom, 9.05 Uhr. Aldo Moro fährt wie jeden Morgen nach der Messe am Blumenstand mit den Tulpen und Mimosen vorbei, der an der Straßenecke steht, passiert die Bar Olivetti. Er sitzt auf der Rückbank seines Dienstwagens, einem Fiat 130, liest die Tagespresse. Dann geht alles ganz schnell. Der Hinterhalt dauert nur einige Minuten. Fünf Bodyguards der Leibwache werden getötet, Moro wird entführt. Das Kommando entkommt.