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Israel und die Hisbollah:Warten auf den Sturm

Lange hat sich Israel mit den Feinden an seiner Südgrenze, der Hamas, beschäftigt. Inzwischen wächst die Angst vor der Miliz im Norden: Die libanesische Hisbollah gilt als besonders gefährlich.

Von Peter Münch, Zarit

Drüben lauert der Feind. Grünes Dickicht überzieht das schroffe Bergland, rankt sich sogar um den Grenzzaun, wuchert auf den Wegen. In Sichtweite liegt das libanesische Städtchen Aita al-Shaab, man sieht die fahrenden Autos, den Alltag auf blutgetränktem Boden. "Wir beobachten alles, was dort passiert", sagt Oberstleutnant Kamil Tapash, "und sie beobachten uns."

Wer mit Israels Armee auf Patrouillenfahrt geht an der 130 Kilometer langen Grenze zu Libanon, der kann in diesen Tagen gut gepanzerte Ruhe genießen. "Es ist die Ruhe vor dem Sturm", sagen die Soldaten, denn natürlich zieht in diesem Land immer von irgendwoher ein Sturm auf, es wird immer irgendein Krieg erwartet. Doch nach drei Schlachten um Gaza in den vergangenen Jahren richtet der israelische Sicherheitsapparat nun sein Augenmerk auf den Norden: auf die Hisbollah, die schiitische Miliz in Libanon, die noch aus ganz anderem Holz geschnitzt ist als die palästinensische Hamas im Süden. Das weiß man spätestens seit dem Sommer 2006, als es im bislang letzten Libanon-Krieg 35 Tage lang Raketen auf Israel regnete.

Die Hisbollah gilt als der gefährlichste Feind an Israels Grenze: Bis zu 150 000 Raketen soll sie in ihren Arsenalen gehortet haben, mehr als 40 000 Kämpfer unter Waffen halten - "aber das kann sich jeden Tag verändern", sagt Oberstleutnant Tapash. Zudem dient die Hisbollah als eine schiitische Speerspitze Irans im Kampf gegen das verteufelte "zionistische Gebilde". Derzeit steht die Miliz zwar als Hilfstruppe des Despoten Baschar al-Assad bis zum Hals im syrischen Sumpf. Aber auch das ist keine gute Nachricht für Israel: "Sie lernen dort viel übers Kämpfen", sagt Tapash.

Für den stellvertretenden Kommandeur der im Grenzgebiet stationierten Baram-Brigade ist klar, dass Israel sich schon heute auf den Tag danach einstellen muss. "Wenn Assad gewinnt, dann schuldet er der Hisbollah eine Menge", meint er. Kriegserprobt und aufgerüstet könnte die libanesische Miliz dann Israel herausfordern. Doch auch bei einer Niederlage in Syrien droht Gefahr. Eine angeschlagene Hisbollah könnte versucht sein, ihre Reputation mit einem stets populären Krieg gegen den Erzfeind zu retten. Bei Chaos und Machtvakuum könnten sich zudem dschihadistische Gruppen wie der sogenannte Islamische Staat in Südlibanon einnisten. "Ich weiß nicht, welches Szenario schlimmer ist", sagt Tapash, "aber ich weiß, dass wir auf alles vorbereitet sein müssen."

Begleitet von einem selbstgebastelten Raketen-Truck nehmen Kämpfer der schiitischen Hisbollah an einer Kundgebung im libanesischen Nabatiyeh teil.

(Foto: AP/Mohammed Zaatari)

Er stammt aus einem drusischen Dorf in der Nähe, seit 20 Jahren schon dient er in der Armee, und fast immer war er hier oben im Norden stationiert. "Ich kenne die Gegend, und ich sehe die Veränderungen", erklärt er. Mit dem kantigen Kinn weist er auf die Häuser von Aita al-Shaab. "Die Hisbollah baut hier ihre Infrastruktur auf mit Beobachtungsposten und Artilleriestellungen. Die Kämpfer tarnen sich oft als Schafhirten." Von Aita al-Shaab aus hatte die Miliz auch schon 2006 ihren Überraschungsangriff gestartet, der zum Krieg führte. Ein Kommando überwand damals die Grenze und griff eine Patrouille an. Drei israelische Soldaten wurden getötet, zwei Verwundete als Geiseln nach Libanon verschleppt. Ihre Gebeine wurden 2008 übergeben. Am Wegesrand hängen noch heute die Plakate mit den Bildern der Gefallenen, nicht vergessen, nur vom Wind zerfetzt. Ob so etwas wieder passieren kann? "Theoretisch ja", sagt Tapash.

Derzeit allerdings wird die ewige Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah meist über Bande ausgetragen: In Syrien, wo die israelische Luftwaffe immer wieder mutmaßliche Waffenkonvois bombardiert, mit denen schweres Kriegsgerät nach Libanon geschafft werden soll. Von Zeit zu Zeit kocht es aber auch an der Grenze hoch, trotz der dort stationierten Blauhelm-Soldaten der Unifil-Truppe. Den letzten Schlagabtausch gab es im Januar, als die Hisbollah nahe der umstrittenen Schebaa-Farmen mit einem Bombenanschlag auf eine israelische Patrouille Vergeltung übte für den Tod ihres Heroen Samir Kuntar, der bei einem Luftangriff nahe Damaskus getötet worden war.

"Die Hisbollah will uns und der eigenen Bevölkerung zeigen, dass sie trotz des Einsatzes in Syrien auch hier noch relevant ist", meint Tapash. An vorderster Front agiert dabei der Hisbollah-Scheich Hassan Nasrallah, der keine Gelegenheit auslässt zu wütenden Drohungen. Gerade erst ließ er per Interview wissen, dass die Hisbollah-Raketen jeden Ort in Israel treffen könnten, "einschließlich der petrochemischen Anlagen, biologischen Forschungszentren und atomaren Reaktoren". Kurzum: "Israel sollte von uns alles erwarten." Zudem kündigte er an, dass die Miliz im nächsten Krieg "Teile von Galiläa erobern" werde.

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Selbst wenn es nur ein paar Kibbuz-Häuser im Grenzgebiet wären, wäre dies das Horrorszenario für Israel, auf dessen Territorium seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 keine fremde Macht mehr vorgedrungen ist. Um diesen Gefahren zu begegnen, setzt Israel nicht nur auf die im Gazakrieg bewährten Raketenabwehrsysteme, sondern auch auf schlichte Bagger. Mit einigem Stolz zeigt Tapash an einem Patrouillenpunkt namens Katamon auf eine der Natur abgerungene Barriere: ein erdbraunes Band von 1,7 Kilometern Länge und 20 Metern Breite wurde hier in die Hügellandschaft gefräst, um jeden Angriff durch die Fußtruppen der Hisbollah "praktisch unmöglich" zu machen, wie der Oberstleutnant sagt. Acht Meter hoch ist die künstliche Klippe, die hier geschaffen wurde, gekrönt von Stacheldraht und einem weiteren Zaun, der bei Berührung Alarm auslöst. Katamon ist ein Pilotprojekt, "es werden viele weitere solche Barrieren folgen", kündigt Tapash an.

Mit einem acht Meter hohen Erdwall will die Armee neue Überraschungsangriffe abwehren

Erhöhte Nervosität lösen Israels Grenzaktivitäten übrigens mittlerweile auch auf der Gegenseite aus. Die libanesische Zeitung Al-Akhbar spekulierte bereits über einen Überraschungsangriff, um der Hisbollah den Garaus zu machen. Die Gelegenheit sei deshalb günstig, weil es sich die Schiiten-Miliz durch ihren Syrien-Einsatz mit den sunnitischen Staaten verdorben und Israel deshalb wenig Gegenwind aus der arabischen Welt zu erwarten habe.

Tatsächlich hat die Arabische Liga die Hisbollah gerade zur Terrororganisation erklärt. Doch auf solche Gedankenspiele will sich Oberstleutnant Tapash erst gar nicht einlassen. Er hat die Aufgabe, die Grenze zu verteidigen, Barrieren zu bauen, den Feind zu beobachten und auf alles vorbereitet zu sein. "Wenn die Hisbollah uns angreift", sagt er, "dann muss sie wissen, dass es eine sehr harte Antwort geben wird."

© SZ vom 05.04.2016
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