Irmgard Schwaetzer über Hans-Dietrich Genscher:"Der Raubbau an seiner Gesundheit war groß"

Irmgard Schwaetzer war Hans-Dietrich Genschers FDP-Generalsekretärin, Staatsministerin - und Fast-Nachfolgerin. Zu seinem 85. Geburtstag beschreibt Schwaetzer, wie geschmeidig Genscher Politik machte - und wie wenig er sich selbst schonte, als es um die deutsche Einheit ging.

Irmgard Schwaetzer wurde von Hans-Dietrich Genscher gefördert: Als FDP-Chef machte er sie zur Generalsekretärin, danach wurde sie Staatsministerin im Auswärtigen Amt, später Bundesbauministerin. Nach Genschers Rücktritt galt Schwaetzer für wenige Stunden als neue Außenministerin - bis ihre männlichen Parteifreunde um Jürgen Möllemann an ihr vorbei Klaus Kinkel installierten.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Irmgard Schwaetzer, und Hans-Dietrich Genscher 1998 im Bonner Bundestag.

Liberale unter sich: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Irmgard Schwaetzer, und Hans-Dietrich Genscher 1998 im Bonner Bundestag. Damals regierte die FDP noch mit Kanzler Helmut Kohl - doch Genscher war schon sechs Jahre zuvor aus der Regierung ausgeschieden.

(Foto: REUTERS)

"Persönlich habe ich Hans-Dietrich Genscher kennengelernt, nachdem ich 1980 in den Bundestag gewählt worden war. Als Generalsekretärin hat er mich sicherlich aus mehreren Überlegungen vorgeschlagen. Dazu gehörte wohl auch, dass ich 1982 als einzige Frau in der FDP-Fraktion für den Koalitionswechsel von der SPD zur Union gestimmt habe.

Später, als für Europa-Fragen zuständige Staatsministerin im Auswärtigen Amt ließ mir Genscher relativ freie Hand, es war ein Arbeitsverhältnis, das von großem Vertrauen geprägt war. In der Arbeit in der Partei, als auch im Ministerium war Genscher äußerst offen, diskussionsfreudig und mit höchsten Ansprüchen ausgestattet.

In der veröffentlichten Meinung kommt Genschers Beitrag zur Wiedervereinigung zu kurz. Beide Ebenen - Kanzleramt und Auswärtiges Amt - waren entscheidend für den Erfolg der Wiedervereinigung. Nachdem der 10-Punkte-Plan von Kohl überholt war, haben Kohl und Genscher gut und nahtlos zusammengearbeitet.

"Die deutsche Einheit war sein Lebenstraum"

Sein Arbeitspensum war gewaltig, gerade in der Wendezeit: Tage mit 16, 17 Arbeitsstunden waren üblich. Der Raubbau an seiner Gesundheit war groß. Im Sommer 1989 hatte er einen Herzinfarkt erlitten, doch ab dem Tag, an dem die Mauer fiel, schob er seine gesundheitlichen Risiken einfach beiseite. Wie er damals in der Wendezeit Politik machte, fasziniert mich noch immer. Die deutsche Einheit war sein Lebenstraum.

Ich erinnere mich an ein Treffen, zu dem Genscher am zweiten Weihnachtsfeiertag 1989 geladen hatte. Mit dabei waren Wissenschaftler, hohe Militärs und andere kluge Köpfe. Es ging darum, wie man die Sicherheitsfragen im Prozess, der zur deutschen Einheit führte, lösen kann. Es war klar, dass nur eine Integration in die Nato in Frage kam. Das wie war entscheidend und die Zustimmung von Gorbatschow. In dieser Sitzung wurde vorschattiert, was später Realität wurde. Er agierte sehr umsichtig und dachte die Dinge vom Ende her. In dieser Methode ähnelt Angela Merkel ihm.

Es gibt einen Wesenszug von Hans-Dietrich Genscher, der sehr zum großen Erfolg seiner Politik beigetragen hat: Er bemüht sich stets, einen Interessenausgleich herbeizuführen. Genscher denkt nicht in Kategorien von Sieger und Besiegten. Kennzeichen dieser Politik war auch, Prozesse am Laufen zu halten: So war es im KSZE-Prozess klar, dass ein Treffen nicht den Kalten Krieg beendet. Aber seine Philosophie war: Es gibt Folgekonferenzen und jedes Mal wird ein weiteres Thema behandelt, das zur weiteren Annäherung beiträgt."

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