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Interview über Blackwater:Erst schießen, dann fragen

Jeremy Scahill, der Autor des ersten Buches über Blackwater.

(Foto: Foto: Jared Rodriguez)

sueddeutsche.de: Blackwater, DynCorp oder KBR wurden nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans eingesetzt. Mittlerweile haben die Firmen ganz andere Ziele: Sie bieten an, die Situation in Regionen Darfur zu befrieden oder sogar Friedensmissionen der UN oder der Nato zu übernehmen. Ist das Größenwahn oder berechnendes Kalkül?

Scahill: Es ist beides. Das Jahresbudget der Vereinten Nationen für Friedenseinsätze beträgt mehrere Milliarden Dollar. Die Firmen suchen also nach neuen Einnahmequellen. Zugleich sind die Spitzen dieser Firmen wirklich überzeugt, dass sie diese Konflikte lösen könnten.

sueddeutsche.de: Gibt es ein Land, das angemessen auf dieses Problem reagiert?

Scahill: Südafrika ist ein Vorbild. Mindestens 4000 südafrikanische Söldner sind weltweit im Einsatz, allein 2000 im Irak. Die große Mehrheit gehört der weißen Minderheit an und war schon während der Apartheid aktiv. Das Parlament hat dort 2006 ein Gesetz erlassen, dass den Einsatz von Söldnern verbietet und mit Geld- und Haftstrafen ahndet. Es wäre viel erreicht, wenn möglichst viele Regierungen ähnliche Gesetze erließen, denn Blackwater hat Menschen aus etwa 100 Ländern rekrutiert. Als der Entwurf debattiert wurde, fuhren Vertreter der Militärfirmen nach Pretoria und versuchten, das Inkrafttreten des Gesetzes zu verhindern. Dies zeigt, wie gefährlich solche Regelungen für Blackwater und Co. sind.

sueddeutsche.de: Die USA wählen im November einen neuen Präsidenten. Wird sich unter Barack Obama oder Hillary Clinton etwas an der Situation ändern?

Scahill: Ich rechne mit keiner Veränderung. Ich wäre glücklich, wenn ich mich irren würde. Clinton und Obama haben wie der Republikaner John McCain stets der Finanzierung des Irakkriegs zugestimmt. Während des Blackwater-Skandals im Herbst 2007 hat sich keiner der beiden Demokraten in die Debatte eingeschaltet. Einen Gesetzesentwurf, der den Abzug der Militärfirmen zum 1. Janaur 2009 vorsah, haben sie nicht unterstützt. Die Demokratische Partei will Regeln für diese Firmen einführen, aber nicht deren Einsatz verbieten. Die Kandidaten werfen Bush zwar seine Fehler in der Irak-Strategie vor, aber sie sagen nicht, was sie ändern wollen. Clinton und Obama tragen jetzt mit schönen Worten etwas Make-up auf, aber wenn die Schminke verwischt ist, dann sieht man die hässliche Narbe wieder.

sueddeutsche.de: Die Demokraten fordern eine starke Verringerung der US-Truppen im Irak. Könnten Kriegsdienstleister davon profitieren?

Scahill: Beide Bewerber haben sich darauf festgelegt, die Zahl der im Irak stationierten Soldaten zu verringern. Um glaubwürdig zu bleiben, müssen Obama und Clinton dies umsetzen. Wer die Lage im Irak kennt, weiß, dass man nicht einfach Zehntausende Soldaten abziehen kann und es gibt Aussagen von Blackwater-Vertretern, wonach sie einem Machtwechsel im Weißen Haus gelassen entgegensehen.

sueddeutsche.de: Bedroht eine Firma wie Blackwater die Demokratie?

Scahill: Ja. Diese Firmen stehen über dem Gesetz, sind der Kontrolle des Parlaments entzogen und höhlen das Gewaltmonopol des Staates aus. Für mich ist Blackwater die Speerspitze eines weitverbreiteten Trends in den USA: Nahezu jeder Bereich des öffentlichen Lebens wird privatisiert. Was Blackwater betrifft: Die Firma hat ihre eigene Fluglinie und baut gerade einen eigenen Geheimdienst nach dem Vorbild der CIA auf. Aber leider kennen mehr Amerikaner den Namen der Entziehungsklinik von Britney Spears als den Namen Blackwater.

Ein letzter Punkt: Auch die Souveränität der Nationalstaaten wird untergraben: Die demokratisch gewählte Regierung in Chile hat den Krieg im Irak abgelehnt, doch diese Firmen heuern chilenische Ex-Soldaten an - und die Behörden in Santiago können nichts machen.

sueddeutsche.de: Mister Scahill, Sie beschreiben detailliert den engen Kontakt von Blackwater zu Spitzenbeamten der Bush-Regierung. Einige arbeiten mittlerweile für das Unternehmen. Wird Ihnen nicht manchmal vorgeworfen, ein Verschwörungstheoretiker zu sein?

Scahill: Das passiert mitunter. Ich kann nur sagen, dass alle Fakten in meinem Buch mit Hunderten Fußnoten belegt sind - und dass Blackwater mich noch nie verklagt hat. Die Firma leistet sich die teuersten Lobbyisten und Anwälte, doch offensichtlich können sie mir keinen Fehler nachweisen.