Interview:"Narzisstische Grandiosität"

Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker in Gießen. Er hat ein viel beachtetes Buch über "Narzissmus und Macht" geschrieben und warnt davor, dass der Zugang zur Macht Allmachtsfantasien nährt.

Cathrin Kahlweit

(SZ vom 7.6.2003) SZ: Wenn man davon ausgeht, dass Jürgen Möllemann Selbstmord begangen hat - was sagt das über sein Leben?

Wirth:Ähnlich wie der ehemalige Kieler Ministerpräsident Uwe Barschel konnte er sich ein Leben ohne Macht nicht vorstellen, und das kam auf ihn zu.

SZ: Aber er durchlebte doch schon früher Phasen der Ohnmacht.

Wirth: Er hatte aber immer noch die Illusion, dass es weiter geht. Jetzt war er in einer ausweglosen Lage. Er hatte den Kontakt zur Realität verloren.

SZ: Welche Parallelen erkennen Sie in den Fällen Uwe Barschel und Jürgen W. Möllemann?

Wirth: Sie haben, wenn wir an der These vom Selbstmord Möllemanns festhalten, sehr unterschiedliche Todesarten gewählt. Barschel hat eine regressive Art vorgezogen, den Weg ins Wasser, das Einschlafen mit Hilfe von Medikamenten, gleichsam die Rückkehr in den Mutterleib. Möllemann hat sich, mutmaßlich, für einen harten, männlichen Tod entschieden, hat sein Leben auf sehr brutale Weise beendet. Aber beide haben einen Bilanzselbstmord begangen.

SZ: Und wo waren sich die beiden als Politikertypus ähnlich?

Wirth: Die Gemeinsamkeit liegt in der narzisstischen Grandiosität, in der Selbstüberschätzung, dem Größenwahn. Wichtig ist auch bei beiden das Selbstzerstörerische. Dass es Narzissten in der Politik gibt, ist klar; man braucht ja auch Ellenbogen, muss einstecken können. Aber das Selbstzerstörerische kennzeichnet den krankhaften Narzissmus, der sich gerade im Umgang mit Freunden, mit der Partei und der Karriere zeigt. Beide Männer brachten sich in eine Außenseiterposition, wurden erst bewundert, dann verachtet. In abgemilderter Form sehe ich das auch bei Helmut Kohl: In der Schlussphase, vor dem Machtverlust, hat auch er an der Zerstörung seines Selbst mitgewirkt. Gemeinsam ist allen drei Politikern, dass sie ihre depressive Seite nicht zulassen konnten.

SZ: Sie schreiben, gesellschaftliche Macht sucht, wer innere Ohnmacht kompensieren will. Heißt das überspitzt, dass vorwiegend Seelenkrüppel in die Politik gehen?

Wirth: Macht an sich darf man nicht verteufeln, auch Narzissmus nicht. Es gibt auch gesunden Narzissmus. In der Politik findet das übersteigerte Geltungsbedürfnis allerdings ein breites Betätigungsfeld. Hier verbinden sich der Drang zur Selbstdarstellung und der Hang zur Macht.

SZ: Wenn dem so ist, dann wäre es also besonders leicht, in der Politik narzisstische Störungen auszuleben.

Wirth: Die Verführung ist auf diesem Feld besonders groß.

SZ: Sie zitieren Lord Acton mit dem Satz: "Macht korrumpiert". Haben also auch Politiker mit gesundem Narzissmus keine Chance, davonzukommen?

Wirth: Demokratische Mechanismen sind der Hauptschutz, die Begrenzung von Amtszeiten etwa oder das Rotationsprinzip. Die Grünen hatten da ein paar ganz vernünftige Ansätze. Man könnte Politikern auch raten, sich psychologisch betreuen zu lassen - um die Deformation durch die Macht zu begleiten. Auch Parteien oder politische Gruppierungen könnten oftmals psychologische Beratung brauchen. Politiker nehmen nicht gerne wahr, dass sie über ihre inneren Verhältnisse leben.

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