Interview mit Grünen-Chefin Roth "Da bricht was auf"

Schwarz-Grün in Hamburg gilt als Test für eine Neuausrichtung der Grünen im Fünf-Parteien-System. Grünen-Chefin Claudia Roth über ein Experiment mit ungewissem Ausgang - und ihre Entdeckung der Konservativen.

Interview: D. Brössler und C. v. Bullion

SZ: Was ist Ihnen unangenehmer: die Pöbeleien der SPD oder das Rangewanze der CDU?

(Foto: Foto: ddp)

Roth: Die Reaktion der SPD auf Hamburg zeigt ihre ganze innere Schwäche. Da bekommt mein großes Herz eher Mitleid. Es ist schon merkwürdig, wenn Sozialdemokraten den Grünen Treuegelübde abverlangen und gleichzeitig mit allen anderen koalieren. Jetzt spielen sie die beleidigte Leberwurst. Ich beobachte das übrigens mit Sorge, wir brauchen eine starke Sozialdemokratie. Und Herrn Koch, der sich in Hessen an uns heranwanzt, wünsche ich eine theaterwissenschaftliche Schulung. A bissl glaubwürdig sollt's schon sein.

SZ: Gibt es keinen Klimawandel zwischen Schwarz und Grün?

Roth: Da bricht was auf. Vergangene Woche war ich mit einer Bundestagsdelegation in Israel, da haben Leute aus dem CDU-Lager aus tiefster Seele gesagt: Jetzt können wir endlich mal normal mit euch umgehen. Das sind ganz freundliche, nette Kollegen. Das finde ich sehr, sehr gut für die politische Kultur in unserem Land.

SZ: Klingt recht begeistert. Liebäugeln Sie auch im Bund mit der CDU?

Roth: Nein. Wenn man miteinander spricht, heißt das nicht, dass man seine politischen Positionen relativiert. Die SPD ist mir inhaltlich näher.

SZ: In Hamburg mussten Sie einiges relativieren. Die Grünen müssen die Elbvertiefung und womöglich auch das Kraftwerk Moorburg hinnehmen. Das ist doch kein Erfolg, oder?

Roth: Das sehe ich anders. Die Elbvertiefung kommt, das wollen wir nicht. Aber es gibt eine ganz neue Qualität der Kompensation. Die Wirtschaft muss sich an umweltnachsorgenden Maßnahmen beteiligen, und bei Naturschutzgebieten, wo Tabula rasa gemacht werden sollte, wird Erhalt garantiert. Bei Moorburg sehe ich die große Chance, bei Anwendung von Recht und Gesetz, dass dieser Klimakiller nicht gebaut wird - wenn die Umweltbehörde an die Grünen geht.

SZ: Reden jetzt auch Linke in der Bundesspitze alle Bedenken schön?

Roth: Ich rede nichts schön. Ich habe aber gelernt, dass Politikfähigkeit auch von Kompromissfähigkeit abhängt. Ohne uns Grüne gäbe es nicht einmal eine Debatte über Moorburg, das wäre durchgezogen worden.

SZ: Es wäre ein Desaster für Sie, wenn die Basis das Bündnis ablehnt.

Roth: Das wäre kein Desaster, sondern eine demokratische Entscheidung. Es ist klar, dass Schwarz-Grün kulturell schwierig ist, der Koalitionsvertrag atmet aber klar einen grünen Geist. Sicher ist die Zustimmung vorher nie, aber ich rechne damit, dass die Partei dahintersteht.

SZ: Wäre im Fall einer Ablehnung die bundesweite Neupositionierung im Fünf-Parteien-System gescheitert?

Roth: Moment mal! Der Hamburger Landesverband ist kein Experimentierfeld für neue bundespolitische Koalitionen. Im Übrigen gilt: Neue Konstellationen sind denkbar, wenn sich damit grüne Inhalte umsetzen lassen.

SZ: Ihre Partei will einen Generationswechsel, aber kein Junger bewirbt sich als Parteichef. Sie dagegen wollen zum vierten Mal antreten. Warum?

Roth: Bis November ist noch Zeit, da können noch Kandidaturen kommen. Jede und jeder, der einen Generationswechsel möchte, kann antreten. Mir wäre es ganz recht, wenn ich eine Gegenkandidatur hätte. Sonst regt sich leicht an der Basis der Reflex: Wir haben ja gar nichts zu entscheiden. Ich trete noch mal an, weil ich glaube, dass es für die Partei gut ist und ich Rückhalt spüre für meine Anliegen.

SZ: Die Leute stehen aber nicht Schlange, Reinhard Bütikofer zu beerben und den Job mit Ihnen zu teilen.

Roth: Ach, jetzt soll es an mir liegen? Jetzt mal im Ernst: Viele wissen, dass das ein sehr stressiger Job ist, bei dem es viel Gegenwind gibt, auch von innen. Jeder oder jede muss eine solche Aufgabe mit Privatem verbinden können, und ich finde, es ehrt grüne Männer, dass sie sagen, sie kandidieren nicht, weil sie kleine Kinder haben.

SZ: Sind Sie sicher, dass Ihre Partei Sie noch mal will?

Roth: Schaun mer mal. Anstrengen werde ich mich auf jeden Fall.