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Interview:"Es gibt keine dunklen Ecken"

Gutachten über sexuellen Missbrauch im Bistum Aachen

Kirche im Schatten der Missbrauchsskandale; hier der Aachener Dom.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Präventionsschulung und verglaste Türen: Eine Kirche in Hannover hat ein besonderes Konzept, um Missbrauch vorzubeugen. Pfarrer Wolfgang Semmet über Transparenz, Verantwortlichkeit und Kinderrechte in der Gesellschaft.

Von Anika Blatz

SZ: Herr Pfarrer Semmet, Sie haben in die alten, vormals undurchsichtigen Holztüren der Ministranten- und der Haupt-Sakristei in St. Heinrich Glaselemente einbauen lassen. Warum?

Wolfgang Semmet: Durch die Missbrauchsfälle stehen wir als katholische Kirche vor einer riesigen Herausforderung. In unserem Bistum Hildesheim wurden die Kirchengemeinden damit beauftragt, ein Präventionsschutzkonzept zu erstellen. Dazu gehört, dass jeder, der bei uns mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat - egal ob hauptberuflich oder ehrenamtlich tätig - eine Präventionsschulung absolvieren und ein polizeiliches Führungszeugnis einreichen muss, was beides nicht älter als fünf Jahre sein darf. Doch das hat uns nicht gereicht. Gemeinsam mit Gemeindemitgliedern habe ich einen kleinen Arbeitskreis gebildet. Wir schauten uns die Örtlichkeiten an und fragten uns, wie sich Kinder hier in dem Gebäude und in den verschiedenen Räumen wohlfühlen. Schnell war klar, dass wir an einigen Stellen etwas verändern müssen, damit es keine dunklen Ecken mehr gibt. So war das auch mit den Türen: Plötzlich stand ich davor, und mir wurde bewusst, dass überhaupt nicht einsehbar ist, wer sich in den Räumen befindet. Da habe ich entschieden, die Türen müssen transparent sein. Damit jederzeit einsehbar ist, was dort passiert.

In den Sakristeien wird die liturgische Kleidung des Priesters und der Ministranten angelegt. Ist Transparenz dort auch deshalb so wichtig, weil sie eine Gefahrenquelle sein könnten?

Ich kann nur für mich sprechen. Mir ist nicht bekannt, dass es in unserer Gemeinde hier in der Vergangenheit Übergriffe gegeben hat. Das sind reine Vorbeugemaßnahmen. Wir haben zum Beispiel in den Gemeindehäusern auf den Fluren Bewegungsmelder installieren lassen, sodass sofort überall das Licht angeht, wenn sich jemand auf den Fluren befindet. Ob verglaste Türen oder beleuchtete Flure - für mich sind das Bilder, die für Transparenz stehen. Es gibt keine dunklen Ecken. Ich möchte keine uneinsehbaren Räume haben.

Die neue Tür zur Sakristei in St. Heinrich.

(Foto: oh)

Zeichen für eine Zeitenwende, eine veränderte Rolle von Pfarrer und Kirche?

Die Rolle des Pfarrers hat sich verändert. Die Rolle der Kirche muss sich ändern. Ich glaube, dass es heutzutage keine Institution mehr geben kann, die hinter verschlossenen Türen tagt. Wir in der katholischen Kirche werden nur dann Vertrauen wieder zurückgewinnen können, wenn wir Transparenz leben und diese auch in unseren Entscheidungen deutlich machen.

Diese Konzepte sind ja einem Misstrauen gegenüber der gesamten Geistlichkeit geschuldet, also auch Ihnen gegenüber. Wie geht es Ihnen persönlich damit?

Unter Generalverdacht gestellt zu werden? Mir geht's natürlich nicht gut damit, aber das ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass solche Konzepte auch für mich selbst einen großen Schutz darstellen. Es hilft uns Priestern immens, wenn Räume durch Glaselemente offen einsehbar sind, oder wenn zum Beispiel die Beichtzimmer eine Glasfassade haben, so wie in St. Godehard. Wenn also die Erstkommunionkinder zur Erstbeichte kommen, ist der Raum zwar schalldicht abgeschlossen, aber jederzeit von außen einsehbar. Wir müssen deutlich machen, dass uns der Schutz von Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Erwachsenen in kirchlichen Einrichtungen wichtig ist.

Bleibt dabei nicht auch Positives auf der Strecke, wenn das Verhältnis der Gläubigen zu ihrem Seelsorger von Misstrauen geprägt ist, und es für Pfarrer nur noch darum geht, sich in alle Richtungen abzusichern?

Ich leide schon darunter, klar. Wenn ich überlege, wenn wir früher mit Kommunionkindern übers Wochenende wegfuhren, dann kamen natürlich schon Kinder zu mir und sagten: "Herr Pfarrer, können Sie mir mal mein Bett beziehen, ich kann das nicht." Und natürlich habe ich es getan. Aber seit den Missbrauchsfällen betrete ich keine Schafräume der Kinder mehr. Hier bin ich den Erstkommunionkatechetinnen und -katecheten, deren eigene Kinder oft auch dabei sind, dankbar, dass sie diese Hilfe den Kindern anbieten können. Und damit bin ich als mögliche "Angriffsfläche" entlastet. Oder wenn das Gewand eines Ministranten nicht ordentlich saß, habe ich das früher selbstverständlich vor dem Gottesdienst schnell selbst zurechtgerückt. Heute mache ich das nicht mehr: Ich frage, ob ich das tun darf oder bitte einen anderen Ministranten, das Gewand entsprechend zurechtzurücken. Seit meiner eigenen Präventionsschulung stelle ich mir die Frage von Nähe und Distanz nun viel bewusster. Das würde ich gerne auch anderen Erwachsenen vermitteln. Denn nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft werden Kinder immer wieder in die Ecke gedrängt. Sie müssen sich wehren, weil ihnen Erwachsene zu nahe kommen. Wenn es uns als Kirche gelänge, dass dieses Bewusstsein überall stärker wird und wir dazu beitragen könnten, dass Kinderrechte respektiert werden - dann wäre ich zufrieden.

Pfarrer Wolfgang Semmet

(Foto: oh)

Sie reagieren auf etwas, das andere getan haben. Leute, die nichts mit Ihnen zu tun haben - außer, dass sie zum gleichen Klub gehören.

Ja, aber sie gehören zu dieser Kirche, zu der ich auch gehöre. Und damit sind wir miteinander verbunden. Ich würde Täter schon gerne mal fragen, ob ihnen eigentlich deutlich ist, welchen Schmerz sie Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Erwachsenen zugefügt haben. Welche Last die Opfer in all den Jahren mit sich herumschleppen. Ich denke, Kirche muss alles tun, um ihnen zu helfen.

Übernimmt man als Teil eines Kollektivs automatisch Verantwortung für das Handeln anderer?

Automatisch nicht. Für das Fehlverhalten des anderen muss ich nicht automatisch die Verantwortung übernehmen. Aber für systemische Situationen, die solches Fehlverhalten ermöglichen und ich meinen Teil dazu beitragen könnte, es zu verhindern und das nicht tue. Dafür bin ich verantwortlich. Es schmerzt schon, wenn ich in Diskussionen, bei denen es um Missbrauch geht, heftig angegangen werde und ich in Auseinandersetzung hören muss: "Sie gehören doch auch dazu." Das tut schon weh. Dennoch versuche ich in Gesprächen dafür zu werben, die Kirche differenzierter wahrzunehmen und nicht alles, auch nicht alle Priester, über einen Kamm zu scheren. Wir dürfen aber auch nichts unter den Teppich kehren. Es ist passiert, und es hat Auswirkungen - auch auf mein Verhalten. Ich versuche darauf zu reagieren, indem ich mich frage, was ich tun kann, um die Situation zu verbessern. Das ist dann mein Part.

Wo müsste die Institution katholische Kirche noch mehr tun?

Dass wir diese Präventionsausbildungen und -maßnahmen vor zehn Jahren in unserem Bistum verpflichtend eingeführt haben, finde ich sehr gut und richtig. Das wünsche ich mir flächendeckend für alle Bistümer in Deutschland. Bei allen vorbeugenden Maßnahmen dürfen wir auf keinen Fall die Misshandelten übersehen. Die Kirche hatte sie zu lange nicht im Blick. Das beschämt mich. Es ist wichtig, diesen Menschen zu helfen und sie in jeder Hinsicht zu unterstützen.

© SZ/Hohmann
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