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Internationale Zusammenarbeit:Nachbarschaftshilfe im Zeichen des Virus

Coronavirus - Frankreich

Rettungskräfte in weißen Schutzanzügen kümmern sich in Straßburg um einen Corona-Patienten mit Atemnot.

(Foto: Jean-Francois Badias/dpa)

Weil dem Elsass Beatmungskapazitäten für Corona-Patienten fehlten, sagen Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz Hilfe zu - erste Patienten werden bereits in Freiburg behandelt.

Von Claudia Henzler

Als der Hubschrauber am frühen Samstagabend auf dem Dach landet, ist Brigitte Klinkert erleichtert. "Die ersten Patienten aus dem Elsass sind heute an der Uniklinik Freiburg angekommen", jubelt die Präsidentin des Départementsrates von Haut-Rhin im Südelsass auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. "Danke Winfried Kretschmann und OB Martin Horn." Die Politikerin hatte sich vergangene Woche hilfesuchend an den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und den Freiburger Oberbürgermeister gewandt, weil im Südelsass Beatmungsbetten fehlen.

Seit dem 11. März ist das Elsass Risikogebiet - seither hat sich die Lage dort weiter zugespitzt

Am Samstag sprang ihr zunächst Baden-Württemberg zur Seite und nahm einige schwerkranke Corona-Patienten auf. Im Laufe des Wochenendes schlossen sich dann weitere Nachbarn an: Die drei Schweizer Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Jura, die Brigitte Klinkert ebenfalls um Hilfe gebeten hatte, erklärten sich bereit, je zwei schwerst am Coronavirus erkrankte Patienten zu übernehmen. Und am Sonntag boten dann auch noch Tobias Hans und Malu Dreyer, Ministerpräsidenten des Saarlands und von Rheinland-Pfalz, dem für das Elsass zuständigen Regionalratspräsidenten Jean Rottner Intensivbetten an.

Die Region Haut-Rhin ist von der Corona-Epidemie besonders betroffen, seit sich Ende Februar Teilnehmer eines evangelischen Kirchentreffens mit mehr als 2000 Besuchern in Mülhausen infiziert hatten. Das Robert-Koch-Institut hat die Region Grand Est, zu der das Elsass zählt, am 11. März zum Risikogebiet erklärt. In der vergangenen Woche hat sich die Lage dort immer weiter zugespitzt. Etwa 300 Plätze gibt es in den Intensivstationen der öffentlichen Krankenhäuser von Mülhausen, Colmar und Straßburg. Sie alle waren Anfang der Woche bereits komplett belegt. Auch die Kliniken im angrenzenden Département Bas-Rhin, in dem Straßburg liegt, sind stark ausgelastet.

Kretschmann hatte Ende der Woche schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt. In die Wege geleitet wurde die Aktion dann vom Wissenschaftsministerium und dem Gesundheitsministerium, die bei den Kliniken in ihren Zuständigkeitsbereichen anfragten, ob sie einige Intensivbetten zur Verfügung stellen können. Vier Universitätskliniken haben am Samstag den Anfang gemacht und Patienten aus dem Elsass aufgenommen, insgesamt neun in den staatlich finanzierten Häusern in Freiburg, Heidelberg, Mannheim und Ulm. Einen weiteren Platz hat das Bundeswehrkrankenhaus in Ulm zur Verfügung gestellt, das eng mit der dortigen Uniklinik zusammenarbeitet.

Freiburgs Oberbürgermeister hatte die Entwicklungen in der Nachbarregion mit Anteilnahme verfolgt, war selbst aber machtlos. Derzeit können die Kranken aus Frankreich nur mit Zustimmung der Landesregierung über die Grenze gebracht werden.

Wie viele Patienten von städtischen und privaten Krankenhäusern im Südwesten aufgenommen werden, konnte das Gesundheitsministerium in Stuttgart am Sonntag nicht sagen. Im städtischen Klinikum Karlsruhe sind drei Patienten aus Straßburg angekommen. Die Stadt hatte noch am Samstag entschieden, Kretschmanns Aufruf zu folgen.

Baden-Württemberg betont, die eigenen Bürger würden keine Nachteile erleiden

Die Hilfsaktion sei bis zu dem Zeitpunkt befristet, an dem die Beatmungsplätze in Deutschland gebraucht werden, sagte eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums am Sonntag. "Wir haben aktuell die Kapazitäten, und es wäre ja nicht zu erklären, wenn wir hier die Beatmungsplätze frei haben und ein paar Kilometer weiter ringen Menschen um ihr Leben." Die Kliniken in Baden-Württemberg seien auf einen Anstieg von Corona-Patienten vorbereitet. Noch gebe es aber hierzulande wenige Kranke, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. An der Karlsruher Klinik rechnet man damit, dass sich dies erst in drei oder vier Wochen ändern wird.

Die Freiburger Uniklinik teilte am Samstag mit, es sei ihr "eine Herzensangelegenheit, den französischen Nachbarn und Freunden in dieser menschlichen Tragödie zu helfen". Die Klinik befände sich wegen der frühzeitig begonnenen Vorbereitungen und dem großen Einsatz der Mitarbeiter in der Situation, zwei Beatmungsplätze für französische Patienten anbieten zu können.

"Es muss sich niemand Sorgen machen, dass die Leute vor Ort Nachteile haben werden", betonte die Sprecherin des Wissenschaftsministeriums. In der Regel müssten die betroffenen Corona-Patienten zwischen drei und sieben Tage beatmet werden, sodass die Betten nicht dauerhaft belegt seien. "Es geht also nur um einen sehr kurzen, überschaubaren Zeitraum."

Die Landesregierung von Baden-Württemberg versteht die Hilfsaktion als Zeichen der Solidarität. Die Beziehungen des Bundeslandes und speziell das der Menschen in Südbaden zu den Nachbarn im Elsass ist eng, sowohl auf persönlicher als auch auf wirtschaftlicher Ebene. Etwa 25 000 Franzosen pendeln in normalen Zeiten täglich über die Grenze ins deutsche Oberrheingebiet, um dort zu arbeiten. Momentan dürften es wegen der Corona-Krise etwas weniger sein, obwohl die Grenzen für Pendler weiter offen sind.

Am Freitag hat in Mülhausen auch der Aufbau des Feldlazaretts mit 30 Reanimationsgeräten begonnen, den Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angeordnet hat. Es soll am Montag seinen Betrieb aufnehmen.

© SZ vom 23.03.2020

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