Integration "Es gibt kein Bedürfnis nach Abschottung"

Münchner Hauptbahnhof 2015, Sinnbild der Willkommenskultur.

(Foto: Florian Peljak)

Die Willkommenskultur stößt in Deutschland einer neuen Studie zufolge wieder auf mehr Zustimmung. Die Forscher sprechen von einer gewissen "Entkrampfung".

Von Jasmin Siebert, Berlin

"Die Einstellungen zu Integration sind mehrheitlich gut" - das ist das zentrale Ergebnis der Studie "Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit", die der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. Zum dritten Mal nach 2014 und 2016 befragte er 2000 Deutsche, unter ihnen 18 Prozent mit Migrationshintergrund, wie sie zur Willkommenskultur stehen. "Es gibt kein Bedürfnis nach Abschottung. Die Integrationsleistungen sind viel besser, als es politische Reden unterstellen", sagte Zick der SZ.

Von der überreizten Stimmung des Jahres 2016 ist wenig geblieben, sagen die Forscher

Knapp 37 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund befürworten eine gesellschaftliche Willkommenskultur und das damit verknüpfte offene Heimatkonzept. Unter den Befragten mit Migrationshintergrund ist die Zustimmung seit 2016 zwar gesunken, doch mit 38,3 Prozent immer noch etwas größer. Nur ein gutes Viertel der Befragten spricht sich dagegen aus. Forscher Zick zufolge kann man von einer gewissen "Entkrampfung" sprechen. Von der überreizten und scharfen Stimmung des Jahres 2016 sei wenig übrig geblieben.

Die Studie zeigt aber auch eine starke Kluft zwischen denen, die offen sind, und denjenigen, die den "Neuen" gegenüber reserviert sind. Nur gut 30 Prozent - und damit 20 Prozentpunkte weniger als noch zwei Jahre zuvor - äußerten Gefallen daran, dass sich Migranten für Deutschland als neue Heimat entscheiden. Zugleich freut sich aber auch mehr als die Hälfte der Befragten darüber, dass sich Migranten hierzulande zu Hause fühlen. Das deutet Forscher Zick so: Die meisten wollen nicht, dass noch mehr Migranten einwandern. Die, die schon hier sind, sollen aber ankommen und sich wohl fühlen.

Auch zu der kontrovers diskutierten Frage, wer zur Gesellschaft dazugehört und wer nicht, liefert die Studie Erkenntnisse: Dabei zeigt sich, dass ausschließende Kriterien - in Deutschland geboren oder Christ zu sein - in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung eingebüßt haben. Als wichtigste Kriterien für die Zugehörigkeit zur Gesellschaft gelten das Beherrschen der deutschen Sprache und die Achtung politischer Institutionen. Dem Gefühl, in Deutschland zu Hause zu sein, sowie der Anerkennung deutscher Werte und Traditionen messen ebenfalls mehr als drei Viertel der Befragten eine Bedeutung zu; auch Erwerbstätigkeit wird als wichtig erachtet. Immer unwichtiger wird dagegen die deutsche Staatsangehörigkeit, nur noch ein gutes Drittel nennt sie als Kriterium für gesellschaftliche Zugehörigkeit. 2016 und 2014 war es noch jeweils knapp die Hälfte. Was zudem auffällt: Je älter die Befragten, desto mehr Bedingungen stellen sie.

Gesunken ist auch die Zahl der Befragten, die auf Vorrechten der Alteingesessenen gegenüber den Neuankömmlingen pochen. Waren derartige Forderungen zwischen 2014 und 2016 noch deutlich angestiegen, ging der Wert nun wieder zurück. Etwas mehr als jeder Zehnte befürwortet eine solche Ungleichbehandlung. Die große Mehrheit von drei Vierteln spricht sich dagegen für gleiches Recht für alle aus.

Ein weiterer interessanter Befund betrifft soziale Gruppen: Acht von zehn Befragten lehnen eine Separierung ab. Dabei stört es Menschen mit und ohne Migrationshintergrund stärker, wenn Migranten nur untereinander befreundet sind, als wenn "Bio-Deutsche" nur Deutsche als Freunde haben.