Inselstreit zwischen Japan und China:Pekings gefährlicher Traum

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Der Konflikt um eine kleine Felsformation im Ostchinesischen Meer ist gefährlicher geworden. Im Inselstreit zwischen Japan und China geht es neben Bodenschätzen und historischem Ballast um die Frage, ob der Zwist friedlich geregelt werden kann - oder eskaliert. Pekings Antworten sind beunruhigend.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter, Peking

Es ist seit dem Wochenende wieder etwas gefährlicher geworden im Ostchinesischen Meer. Das alles wegen ein paar unbewohnter Felsen, die die Japaner Senkaku und die Chinesen Diaoyu nennen? Wegen der vermuteten Rohstoffvorkommen dort? Oberflächlich betrachtet ja, aber dahinter steckt eine schmerzliche Geschichte, schwären die nie verheilten Wunden, die Japan China einst zufügte.

Mehr aber noch als um die Historie geht es um die Gegenwart und um die Zukunft: In beiden Ländern sind Parteien an der Macht, die sie instrumentalisieren, die Geschichte und den an ihr schmarotzenden Nationalismus und seine heiligen Relikte, die sie einsetzen für ihre machtpolitischen Ziele.

Es ist auch deshalb gefährlicher geworden, weil das eine Land - Japan - eine absteigende Macht ist, während das andere - China - an Kraft gewinnt und sich wieder zu Großem berufen sieht. Die beiden streiten, wer nun in dem Inselstreit als Erster den Status quo verraten hat, aber eines ist klar: In einer so dynamischen und volatilen Region wie dem Fernen Osten hilft es nicht mehr viel, den Status quo anzurufen. Es geht im besten Falle um die vorsichtige und friedliche Gestaltung des Neuen.

Stillhalten für den Frieden

Der Streit um die Inseln ist ein heikler, die historischen Ansprüche Chinas sind mindestens so berechtigt wie die Japans. Japan besetzte sie 1895. Als die beiden Länder in den Siebzigerjahren sich einander wieder annäherten, da kamen sie überein, die Frage der Diaoyu/Senkaku-Inseln "einer späteren Lösung zu überlassen". Man war sich also einig, uneinig zu sein.

In einem nun hat Peking recht: Es war die Regierung in Tokio, die im vergangenen Jahr dieses Stillhalteabkommen kündigte, als sie drei der fünf Inseln einem japanischen Geschäftsmann abkaufte und so verstaatlichte - aus chinesischer Sicht eine gewaltige Provokation, wenn auch eine eher symbolische: Unter japanischer Verwaltung standen die Inseln schließlich ohnehin.

Pekings Antworten allerdings sind beunruhigend, denn sie gehen im Ernstfall übers Symbolische weit hinaus. China markiert nun Territorium - und droht. Sollte in Zukunft ein Flugzeug unangemeldet Chinas neue Luftraumüberwachungszone durchqueren, dann würden "die bewaffneten Streitkräfte Chinas als Antwort defensive Notfallmaßnahmen ergreifen", heißt es aus Peking. In dieser Zone aber liegen die umstrittenen Inseln.

China spielt mit dem Feuer

In dem Luftraum verkehren regelmäßig japanische, südkoreanische und amerikanische Flieger. Noch ist nicht klar, wie Peking seine neuen Ansprüche handhaben, überwachen und gegebenenfalls durchsetzen will. Aber es ist ein Spiel mit dem Feuer. Peking hat soeben den Einsatz erhöht - und damit die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann zu Zwischenfällen mit unberechenbaren Folgen kommt.

China zeigt seine Muskeln. Das ist neu. Bislang versuchte Peking seine Ambitionen zu verstecken hinter uralten Mantras wie "friedliche Koexistenz" und "friedlicher Aufstieg". Parteichef Xi Jinping aber träumt den "Chinesischen Traum". Und das ist der von der "Wiedergeburt der großen chinesischen Nation". Deshalb auch ist Japans Schutzmacht USA - der große Rivale - mindestens so sehr Adressat des jüngsten Schrittes wie Japan selbst.

Der Traum Xi Jinpings ist ein Traum der Nationalisten, der Traum kollektiver Größe, und als solcher praktisch einzusetzen für die weitere Legitimierung der Herrschaft der Kommunistischen Partei. In China herrscht im Moment viel Unzufriedenheit mit der Partei, die sich schwertut, die individuellen Träume ihrer Bürger zu erfüllen. Als machttaktischer Schachzug ist das so billig wie effektiv: In den sonst so partei- und regierungskritischen sozialen Netzwerken und Mikroblogging-Diensten wurde am Wochenende die "Lektion" für die "japanischen Zwerge" bejubelt.

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