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Indonesien:Wahl im Wunderland der Demokratie

Indonesien hat die Zeit der Diktatur schnell hinter sich gelassen - die Moderatorin und Parlamentskandidatin Rieke Pitaloka ist der Beweis dafür.

An der Sprache der Hände erkennt man das innere Ringen. Und Rieke Pitaloka spricht viel mit ihren Händen. Sie führt ihre Worte in der Luft an, mit figurierten Gänsefüßchen, beide Hände in der Höhe, Zeige- und Mittelfinger wippend. Als erscheine ihr das eigene Reden zuweilen als allzu direkt.

Der indonesische Vizepräsident Jusuf Kalla und seine Frau Mufidah geben ihre Stimmen ab.

(Foto: Foto: dpa)

Manchmal sucht sie nach den passenden Dokumenten und Statistiken in ihrem Computer. Damit gewinnt sie Zeit, um den Tonfall zu moderieren. Gibt aber bald auf: "Ich muss sagen, was ich denke." Auch dann, wenn die Moderatorin die Nachrichten liest für Trans TV, einen der großen, jungen Privatfernsehsender in Indonesien.

Die Studios sind in Süd-Jakarta, auf dem Weg vom Zentrum zum Flughafen, untergebracht in einem hohen Glasbau an einer Ausfallstraße mit zehn Spuren. Pitaloka führt auf Trans TV durch das Morgenprogramm und sie wird als Kandidatin der Demokratischen Partei des Kampfes wohl am 9. April ins Parlament gewählt.

Ihre Sendung heißt "Good Morning" und hat wegen der schönen Moderatorin und Polit-Aktivistin hohe Einschaltquoten. Politik, Kriminalität, Wetter, Klatsch - Pitaloka lässt jeweils ihre Notizen sinken und sagt, was sie von der Aktualität hält, die sie vorträgt, frei und progressiv. Ohne Gänsefüßchen. Die Produzenten lieben es, aufregend soll es sein, tabulos.

Am liebsten kommentiert Pitaloka Gesellschaftsthemen. Polygamie etwa, sie ist natürlich dagegen. Der Machismo sei ein altes Übel, der viele Entwicklungen hemme. Oder Armut: eine unentschuldbare Schande für eine Nation, die Öl fördert und alle ernähren könnte, wenn der politische Wille da wäre.

Die Lebensmittelpreise sind viel zu hoch. Die Menschenrechte? Noch immer nicht dort, wo sie sein sollten. Kondome? Sollten gratis verteilt werden, mögen die Kleriker auch aufschreien. Das harte Gesetz gegen Pornographie? Eine Bigotterie, eine Konzession der Regierung an die islamischen Fundamentalisten. Und Religion? Ist Privatsache, findet sie.

Alle hören hin, Millionen Fernsehzuschauer jeden Morgen, 8.30 Uhr. Nicht allen gefällt, was sie hören. Islamisten haben schon gedroht, Pitaloka werde bezahlen müssen für ihre Häresien. Sie sei eine Provokateurin, sagen die Leute der Islamic Defender Front, eine gewalttätige Gruppe selbsternannter Verteidiger des Islam, die prügelnd durch Nachtklubs ziehen und Frauen mit unverschleiertem Haupt verunglimpfen. Sie haben Pitaloka vorgeworfen, sie stifte zu Prostitution und Pornographie an.

"Natürlich machen mir die Drohungen Angst", sagt sie, "aber ich mache weiter. Es geht um Pluralismus. Diese Leute müssen verstehen, dass der Staat säkular ist. Sie hassen mich dafür."

Pitaloka ist ein Star in Indonesien, Schauspielerin und Dichterin, 35 Jahre alt. Ihr Leben bietet den Hochglanzmagazinen Stoff. Jüngst hat sie einen Sohn geboren. Die Zeitungen berichteten darüber, dass ihr die Ärzte zum Kaiserschnitt geraten hätten, sie aber abgelehnt habe. Die Daten des Jungen: 2,93 Kilogramm schwer, 51,3 Zentimeter lang.

Die Nation kennt auch den Namen des Sprösslings, Sagara Kawani Adiansyah, das sei Sundanesisch und bedeute "Meer voll Mut". Ganz die Mutter. Sie ist eine Celebrity. Spielt Theater, schreibt Gedichtbände, führt durch eine Büchersendung.

Und bald wird sie wohl im Parlament dieser stabilsten aller Demokratien im Südosten Asiens sitzen. Die Demokratische Partei des Kampfes ist bisher die Oppositionspartei von Megawati Sukarnoputri, Ex-Präsidentin und Tochter des ersten indonesischen Präsidenten Sukarno, Staatschef von 1945 bis 1967.

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