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Gewalt in Ägypten:Menschenrechtler fordern Ermittlungen gegen Militärrat

Handlanger einer skrupellosen Übergangsregierung oder einfach nur überfordert? In Ägypten verschärft sich nach dem Tod von mehr als 70 Menschen im Stadion von Port Said die Kritik an den Sicherheitskräften. Menschenrechtler fordern die Staatsanwaltschaft auf, gegen den Militärrat zu ermitteln. In Kairo gehen die Proteste unterdessen weiter - ein weiterer Demonstrant kommt ums Leben.

Menschenrechtler in Ägypten fordern die Staatsanwaltschaft auf, gegen den Vorsitzenden des herrschenden Militärrates, Moahmmed Hussein Tantawi, den Innenminister Muhammed Ibrahim und Ministerpräsident Kamal el Gansuri zu ermitteln. Sie machen die Regierung für den Tod von 74 Menschen im Fußballstadion von Port Said verantwortlich.

Sie vermuten, dass die Krawalle auf dem Spielfeld von bezahlten Schlägertrupps provoziert wurden, um Chaos zu schaffen. Der Polizei, die bei dem Spiel für Ordnung hätte sorgen sollen, werfen sie Untätigkeit vor.

Ägyptische Kommentatoren hatten in den vergangenen Tagen jedoch darauf hingewiesen, dass die Polizei, die während ihres brutalen Vorgehens bei den Massenprotesten gegen den Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak vor einem Jahr heftig kritisiert worden war, verunsichert sei. Die Polizisten wüssten nicht mehr, was von ihnen erwartet werde.

Nach dem Drama von Port Said hatte die Polizei 53 Verdächtige festgenommen. Menschenrechtler sprachen am Freitag von "willkürlichen Festnahmen". Viele der angeblichen Aufrührer seien unschuldige Jugendliche.

Unterdessen starb bei den seit gestern andauernden Protesten wegen der tödlichen Ausschreitungen in Port Said ein weiterer Demonstrant. Nach Informationen des Nachrichtensenders al-Arabija wurde er in Kairo von einem Gummigeschoss tödlich getroffen.

Zudem wird gemeldet, ein wütender Mob habe ein Gebäude der Steuerbehörde in Kairo gestürmt. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen flogen Brandbomben. Die Eindringlinge hätten Möbel und Akten zerstört, hieß es. Die Polizei habe Instruktionen erhalten, im Umgang mit den Randalierern zurückhaltend zu sein. Daran hätten sich die Beamten auch gehalten, obwohl bei den jüngsten Unruhen 138 Polizisten verletzt worden seien. Das Gebäude der Steuerbehörde liegt in der Nähe des Innenministeriums, vor dem die Polizei wütende Demonstranten zurückdrängte, die mit Steinen warfen.

In der Nacht zu Freitag war die Gewalt in Ägypten eskaliert. In Suez starben bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften zwei Menschen. Wie der US-Sender CNN am Freitagmorgen unter Berufung auf den Manager eines Krankenhauses berichtete, wurden sie erschossen. Zuvor hätten Hunderte das Hauptquartier der Sicherheitskräfte in Suez mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen, zitierte der Sender einen hohen Polizeioffizier. Die Sicherheitskräfte hätten Tränengas eingesetzt und in die Luft geschossen.

Am Donnerstag hatten sich fast 10.000 Menschen vor dem Innenministerium in Kairo versammelt, um gegen die Untätigkeit der Sicherheitskräfte bei den tödlichen Krawallen zu protestieren. Sie riefen Slogans gegen den herrschenden Militärrat und die Polizei. Diese trieb die Protestierenden mit Tränengas auseinander. Die Demonstranten hätten die Polizei mit Steinen beworfen.

Dabei seien 54 Polizisten verletzt worden, berichtete das staatliche Fernsehen unter Berufung auf Sicherheitskreise. Insgesamt wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 600 Menschen verletzt. TV-Berichten zufolge wollte die aufgebrachte Menge das Hauptgebäude des Innenministeriums stürmen.

Fernsehaufnahmen zeigen tatenlose Polizisten

Wie Fernsehaufnahmen zeigten, hatten Polizei und Militär am Mittwoch in Port Said tatenlos zugesehen, wie Zuschauer mit Flaschen, Steinen und Messern regelrecht Jagd auf Spieler und Fans des Kairoer Traditionsklubs Al-Ahly machten. Ahly-Fans, die eine prominente Rolle bei der vor einem Jahr begonnenen Revolution in Ägypten spielten, kündigten Demonstrationen gegen den herrschenden Militärrat an.

Nach den Gewaltexzessen zog die ägyptische Regierung erste Konsequenzen. Während einer Sondersitzung des Parlaments gab Ministerpräsident Kamal el Gansuri bekannt, dass er die Führung des ägyptischen Fußballverbandes abgesetzt und den Gouverneur von Port Said abgelöst habe. Zur Enttäuschung vieler verärgerter Parlamentarier entließ die Regierung den Innenminister jedoch nicht. Der Militärrat verkündete drei Tage Staatstrauer.

Muslimbrüder sprechen von "geplanten" Ausschreitungen

Die bei der Parlamentswahl siegreichen islamistischen Muslimbrüder sprachen von "geplanten" Ausschreitungen. Parlamentspräsident Saad al-Katatni, ebenfalls ein Muslimbruder, sagte, die "ägyptische Revolution" sei "in großer Gefahr". Das "Massaker von Port Said" sei Folge einer "unglaublichen Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte".

Das Parlament will jetzt binnen einer Woche die genauen Umstände für das Blutvergießen klären lassen. Ursache dafür sind nicht enden wollende Spekulationen, dass die Gewalt politisch motiviert war.

Ziel sei es, die Revolution zu diskreditieren und den demokratischen Wandel zu stoppen, hieß es in Online-Diskussionsforen. Das Militär wolle Chaos säen, um sich als Schutzmacht unverzichtbar zu machen. Nach einer anderen Theorie wollten die Sicherheitskräfte den Ahly-Fans einen Denkzettel verpassen, weil sie Demonstranten vor der Gewalt des Militärs schützten.