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Hotspots:Kein Abstand, nirgends

Corona-Masseninfektion in Niederbayern - Erntehelfer angesteckt

Gefahrendquelle Unterbringung: Nach einer Corona-Masseninfektion auf einem Hof in Mamming stehen fast 500 Menschen unter Quarantäne.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Warum die Saisonarbeiter in Deutschland weiterhin gefährdet sind.

Von Henrike Roßbach

Catalina Guia überrascht das alles nicht. Abermals ist es zu einem Corona-Ausbruch in einem Agrarbetrieb gekommen, dieses Mal im niederbayerischen Mamming. Mindestens 174 Erntehelfer wurden positiv auf das Virus getestet. "Es ist seit Jahren bekannt, dass Saisonarbeiter auf den Feldern und an den Erntemaschinen dicht beieinander arbeiten müssen", sagt Guia. Sie arbeitet für die DGB-Beratungsstelle "Arbeit und Leben" in Düsseldorf, die europäische Arbeitskräfte in deren Muttersprache berät. Auch in Corona-Zeiten, sagt sie, seien die Unterkünfte weiterhin beengt; viele Arbeiter wohnten gedrängt in Containern und müssten sich Duschen und Toiletten teilen. Fünf Obsthöfe hätten sie als Beratungsstelle zusammen mit der Gewerkschaft IG BAU kürzlich besucht. Nur zwei davon hätten mehr Toiletten und Container nachweisen können als vor Corona. "Es gab Fälle, in denen fünf Menschen auf sechs Quadratmetern untergebracht waren." Zwei Meter Abstand könne da niemand halten.

Vom Bundesarbeitsministerium, das für den Arbeitsschutz zuständig ist, hieß es am Montag, es gebe noch keine abschließenden Erkenntnisse zu den Hintergründen der Coronainfektionen in landwirtschaftlichen Großbetrieben oder der Fleischindustrie. Man gehe von "multifaktoriellen Infektionsgefährdungen" aus. Übersetzt heißt das: Es gibt viele Gründe. Als Beispiele nannte ein Sprecher Belüftung, Schutzabstände, Arbeitspausengestaltung, aber auch die Wohnsituation in Gemeinschaftsunterkünften oder den Transport zum Betrieb.

Die Gewerkschaften fordern mehr Kontrollen der Arbeitsstätten

Tätig geworden ist man in Berlin dennoch, trotz der nicht abgeschlossenen Ursachenforschung. Am Mittwoch soll das Kabinett die angekündigte Novelle des Arbeitsschutzgesetzes beschließen. Anstoß dafür war der Fall Tönnies gewesen. Vorgesehen ist in dem Entwurf unter anderem eine "Mindestbesichtigungsquote" zur Überwachung von Arbeitsschutzvorschriften. Im Zentrum stehen "Betriebe mit hohem Gefährdungspotenzial" - auch aus anderen Branchen als der Fleischwirtschaft. Geplant sind zudem "Mindestanforderungen zur menschenwürdigen Gestaltung der Wohnverhältnisse" in Gemeinschaftsunterkünften. "Insbesondere in Verbindung mit der Anwerbung im europäischen Ausland", so der Sprecher. Explizit für die Fleischindustrie ist zusätzlich ein "Arbeitsschutzprogramm für die Fleischwirtschaft" geplant, das unter anderem ein Verbot von Werkverträgen vorsieht. Für die Überprüfung aber, ob all die Arbeitsschutzregeln auch eingehalten werden, sind am Ende die Länder zuständig.

Es wäre gut, sagt Catalina Guia von der DGB-Beratungsstelle, wenn es mehr Kontrollen gäbe. "Und wenn sie uns und andere Beratungsstellen mit einbeziehen würden, denn die Arbeiter werden teilweise gezwungen zu lügen über ihre Bezahlung und die Einhaltung des Abstandsgebots - und wir kennen manche der Tricks." Zudem müsse es ordentliche Arbeitsverträge geben, und zwar bevor die Saisonkräfte aus dem Ausland ihre Arbeit beginnen. Manche arbeiteten wochenlang ohne Vertrag. "Ohne Kontrolle und Beobachtung wird es nicht gehen."

© SZ vom 28.07.2020

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