HDP-Chef Selahattin Demirtaş Hoffen auf den "Kurden-Obama"

Kurde, Reformer und Erdoğan-Bezwinger in der Türkei: Selahattin Demirtaş.

(Foto: AFP)

Vor der Wahl verspottete Präsident Erdoğan den Anführer der kurdischen Partei noch: Nun hoffen viele Türken auf den charismatischen Selahattin Demirtaş. Der musste die Demokratiedefizite seines Landes am eigenen Leib erfahren.

Von Mike Szymanski

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan war im Wahlkampf 367 Stunden und 23 Minuten im türkischen Fernsehen auf Sendung, seinem Bezwinger Selahattin Demirtaş genügten ein paar Minuten und eine Laute, um überall im Land von sich reden zu machen. In einer der gemütlicheren Talkshows griff der smarte Vorsitzende der Kurdenpartei HDP zur Saz und begann ein uraltes türkisches Lied zu spielen, es ging um Abschiednehmen und Trennungsschmerz. Die Zuschauer waren hin und weg. Ein "Popstar", spottete Erdoğan hinterher, kein Politiker, dieser Mann. Seine Anhänger jubelten. Charismatisch, gut aussehend, klug und humorvoll sei dieser Demirtaş. Ein Popstar, eben!

Nach der Wahl hat sich Erdoğan erst mal eine Fernsehauszeit gegönnt, und Demirtaş hat damit begonnen, wirklich große Politik zu machen. Es ist vor allem seiner Person zu verdanken, dass die Kurdenpartei die Zehn-Prozent-Hürde nicht nur geschafft, sondern mit 13 Prozent gleich in "Rammbock"-Manier eingerissen hat. So jedenfalls analysierte man hinterher in der bis dahin alleinregierenden AKP das Wahlergebnis. Die Erdoğan-Partei ist nun die absolute Mehrheit los. Die türkische Politik hat neben der Machtmaschine Erdoğan einen neuen Politiker, der aus der Masse hervorsticht. Wie groß die Erwartungen an ihn sind, zeigt die Bezeichnung "Kurden-Obama", die ihm sofort angeheftet worden ist.

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Der 42-Jährige verkörpert in jedem Fall eine Hoffnung für das Land. Im Wahlkampf hat er die Rolle des Erdoğan-Widersachers am besten verkörpert. Seine HDP werde nie zulassen, dass sich Erdoğan per Verfassungsänderung zum Superpräsidenten mache - das war sein wichtigstes Versprechen in einer nur wenige Augenblicke langen Rede im Parlament. Demirtaş machte aus der Kurdenpartei eine regierungskritische Basisbewegung, in der es neuerdings nicht mehr nur um die Sorgen der Kurden geht. Freie Presse, unabhängige Justiz, mehr Rechte für alle Minderheiten, Mindestlohn, Frauenpolitik. Das ist jetzt Programm.

Vor knapp einem Jahr konnten sich 85 Prozent der Wahlberechtigten noch nicht vorstellen, bei der HDP ihr Evet, ihr Ja, zu setzen. Wegen ihrer Nähe zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und deren Anführer Abdullah Öcalan erschien ihnen die HDP als nicht wählbar. Im Januar waren nur noch 35 Prozent dieser Meinung. Ein entfesselter Erdoğan war die größere Sorge.

Demirtaş kommt aus dem kurdisch geprägten Osten Anatoliens. Er wuchs im bewaffneten Kampf auf, sein Bruder wurde wegen angeblicher Zugehörigkeit zur PKK zu 22 Jahren Haft verurteilt. Ein prägendes Erlebnis für Demirtaş, denn seine Familie war zu arm, um einen Anwalt zu nehmen. Das sollte nicht wieder vorkommen. Demirtaş wurde Jurist und Menschenrechtsanwalt. 2007 ging er in die Politik. Jetzt ist seine HDP parlamentarisch stark genug, den Konflikt ein für alle Mal ohne Waffen zu lösen.

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