Hauptstadt Da steppt der Bär

In Berlin werden die Locations zum Feiern knapp. Der Senat will nun den Ruf der Stadt als Partymetropole retten.

Von Verena Mayer

Zum Rave im Hinterhof, zum Technofest am Stadtrand oder lieber in einen der Clubs, die "Wilde Renate" oder "Ritter Butzke" heißen? Oder doch ganz klassisch ins Berghain, drei Tage lang durchtanzen? In Berlin auszugehen heißt, sich entscheiden zu müssen. An jeder Ecke findet eine Party, ein Festival oder ein Spontankonzert statt, und das an jedem Wochentag, zu jeder Uhrzeit. Derzeit wird besonders heftig gefeiert, denn ein Jubiläum steht an: Vor 30 Jahren kam der Techno in die Stadt. Man tanzte, wo man Platz fand, in alten Kellergewölben, auf den Dächern oder bei der Loveparade an der Siegessäule. Der Musikstil wurde zum Sound der Wiedervereinigung und machte aus Berlin das, wofür es heute auf der ganzen Welt bekannt ist: die Partyhauptstadt Europas.

Die Partyszene hat nicht nur das Image der Stadt geprägt, sie ist auch ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor geworden. 31 Millionen Übernachtungen wurden im Jahr 2017 gezählt, jeder dritte Berlinbesucher sagt, dass er wegen des Nachtlebens anreise. Das Problem ist nur: In Berlin wird der Platz zum Feiern knapp. Überall wird gebaut, die Immobilienpreise steigen. Immer mehr Freiflächen, die das Stadtbild lange bestimmt haben, verschwinden - leer stehende Häuser, stillgelegte Fabriken oder Brachen, auf denen man sich austoben kann. Viele Clubs wiederum können sich die Mieten nicht mehr leisten oder bestehen überhaupt nur als Zwischennutzung.

Um sein Alleinstellungsmerkmal zu retten, will Berlin nun gegensteuern. Das Rezept des rot-rot-grünen Senats heißt: Freiluftpartys. So wurde im Koalitionsvertrag festgelegt, man wolle Orte im öffentlichen Raum entwickeln, die "für Musik- und Partyveranstaltungen unter freiem Himmel genutzt werden können". Nach dem Motto: Wenn sie keinen Club haben, sollen sie eben an der frischen Luft raven. Die Idee sei parteiübergreifend, sagt Georg Kössler, Mitglied der Grünen im Abgeordnetenhaus, der an der Umsetzung beteiligt ist. Selbst die CDU könne sich dafür erwärmen.

Derzeit probiert die Clubcommission, so etwas wie der Lobbyverband der Berliner Clubszene, aus, wo und wie die Freiluftpartys stattfinden könnten. Also welche Parks dafür geeignet sind, wie man den Müll beseitigt und zu welcher Uhrzeit die Anwohner schlafen gehen wollen. Wenn alles läuft wie geplant, könnte Ende des Jahres ein gesetzlicher Rahmen dafür geschaffen werden.

Interessanterweise ist beim Open-Air-Feiern nicht Europas Partyhauptstadt Vorreiter, sondern Bremen. Dort kann man seit Anfang des Jahres relativ unbürokratisch eine nicht kommerzielle Party unter freiem Himmel anmelden. Es gibt lediglich Auflagen, wie viele Partys an einem Ort stattfinden dürfen, und der Müll muss bis zum nächsten Morgen verschwunden sein. "Städte, die so etwas umgesetzt haben, sind glücklicher", glaubt ein Sprecher der Clubcommission. Was aber machen die Feierbiester, wenn es draußen kalt wird, im ewig langen Berliner Winter? Auch dafür gibt es im Senat schon Ideen. Sollte der Flughafen Tegel eines Tages stillgelegt werden, könnten dort Clubs einziehen.