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Trauerfeier nach dem Anschlag von Hanau:"Wir stehen zusammen"

  • Mit einer Trauerfeier haben Politiker und Angehörige an die Opfer des rassistischen Anschlags vor zwei Wochen in Hanau erinnert.
  • Bürgermeister Kaminski kämpft mit den Tränen, als er die Ehrengäste begrüßt, darunter Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel.
  • "Für uns ist es eine Verpflichtung, alles zu tun, damit niemand Angst haben muss", sagt Hessens Ministerpräsident Bouffier.

Eine einzelne Kerze brennt in dem abgedunkelten Saal, neun Namen stehen auf einer weißen Stele, die Namen der Menschen, vor zwei Wochen ein rassistischer Mörder erschossen hat. 650 Trauergäste sind ins Hanauer Kongresszentrum gekommen, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Die Bundesrepublik trauert um die Opfer des Anschlags von Hanau, in einer leisen, traurigen Gedenkstunde. "Gebt mir mein Leben zurück", singt Cassandra Steen. Bürgermeister Kaminski kämpft mit den Tränen, als er die Ehrengäste begrüßt. Den Angehörigen der Opfer sagt er: "Niemand kann Ihnen Ihre Liebsten zurückgeben. Wir können nur versuchen, an Ihrer Seite zu sein."

Dann steht Kemal Koçak da, 45 Jahre alt und Hanauer von Geburt an, vier Kinder, vielen der Ermordeten war er ein Freund gewesen. "Mein Herz blutet dermaßen, dass ich es nicht in Worte fassen kann", sagt er. Da sitze man beisammen, esse - und dann komme einer und schieße. Er erzählt von den Toten, von Menschen mit "goldenem Herzen", die keiner Fliege etwas zuleide tun konnten. Und spricht davon, wie ihn nun zu Hause die Angst überkommt, er sich nicht mehr sicher fühlt. Wir wollen ohne Angst leben können - das fordern auch Alja Kurtović und Saida Hashemi, die Schwestern der erschossenen Freunde Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi. "Ich empfinde keinen Hass", sagt Alja Kurtovic, denn das wäre kein anderer Hass als jener, "der den Täter zu seiner rassistischen Tat getrieben hat."

"Für uns ist es eine Verpflichtung, alles zu tun, damit niemand Angst haben muss", sagt Volker Bouffier; der Staat müsse stärker darauf achten, ob sich einer im Netz radikalisiere, strenger regeln, wer eine Waffe haben dürfe. Dann sagt ein sichtlich bewegter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Der Anschlag galt den angeblich Fremden, getroffen hat er Menschen." Die Tat habe eine "Vorgeschichte der Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationsgeschichte, von Muslimen, von angeblich Fremden". "Ja, es gibt Rassismus in unserem Land", fährt Steinmeier fort. "Ja, es gibt weit verbreitete Muslimfeindlichkeit. Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder mit Kopftuch erleben Diskriminierungen, werden Opfer von Angriffen, von Beleidigungen und von Gewalt." Sie alle hätten ein Recht darauf, dass ihre Mitbürger dem widersprächen und der Staat sie schütze. "Unsere Botschaft von Hanau in die Republik muss sein: Wir stehen zusammen, wir halten zusammen, wir wollen zusammen leben."

Dann nehmen der Präsident und der Ministerpräsident, der Bürgermeister und Kemal Koçak, Alja Kurtović und Saida Hshemi jeder eine weiße Rose und legen sie vor die einsame Kerze. Die Stadt Hanau wird den Ermordeten ein Denkmal errichten.

© SZ vom 05.03.2020/fie
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