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Gysi-Porträt:Wandlungen eines Dampfplauderers

Nach Herzinfarkt und Hirnoperation zieht Gregor Gysi die Bremsen - auch wenn seine Partei ohne ihn in Nöte kommen könnte.

Von Constanze von Bullion

Berlin, im März - Überall hätte er den Feind vermutet, nur nicht hier, in seinem eigenen Leib. Zwei Klemmen haben sie ihm in den Kopf eingebaut und vier Gummiringe ins Herz. Die Narben tun noch ein bisschen weh, sagt er. Aber das ist es nicht, was ihn umtreibt.

Gregor Gysi geht es nach überstandenen Operationen wieder gut

(Foto: Foto: ddp)

Gregor Gysi ist schmal geworden, er wirkt jetzt noch etwas kleiner als früher, aber das mag an den meterhohen Stuckdecken liegen, an den Aktentürmen und an diesem großbürgerlichen Ambiente, das ihn umgibt. Gysi flitzt im Eilschritt durch seine Kanzlei, er arbeitet jetzt als Anwalt in der feinen West-Berliner Fasanenstraße. Die Pelzmanteldamen draußen auf dem Trottoir mag er nicht, und ginge es nach ihm, säße er längst wieder in Mitte. Geht es aber nicht.

Gregor Gysi hatte letztes Jahr einen Herzinfarkt. Er lag viermal in der Klinik und musste sich einer lebensbedrohlichen Gehirnoperation unterziehen. Da haben sie ihm den Schädel aufgesägt und ein Aneurysma verschlossen, ein Blutgefäß, das zu platzen drohte. Kaum war er wieder bei sich, kam der nächste Infarkt, und eine Angina. "Sie können davon ausgehen, dass ich mein Leben etwas umstellen musste", sagt er mit diesem Lachen, das ihm schon so viele unangenehme Fragen vom Hals gehalten hat.

Hinter dem Lachen wohnt jetzt ein anderer, ein nachdenklicher Gregor Gysi. Der ist ein scheuer Zeitgenosse, der lieber den anderen vorschickt, den Dampfplauderer von der PDS. Gysi beherrscht es noch immer, sich Stunden selbst zu interviewen, und wenn man ihn lässt, stellt er Fragen, gibt Antworten, plätschert in privaten Gewässern und rudert dann zügig in die sichere, politische Zone.

Wie ist es eigentlich, mitten im Leben dem Tod übern Weg zu laufen? Wie lebt man mit dem Wissen, dass der eigene Körper einem jederzeit den Dienst verweigern kann? Naja, sagt Gysi, "wenn man immer nur intellektuell tätig war und seinen Körper gar nicht so beachtet hat, dann ärgert man sich, wenn er nicht richtig funktioniert." Er ist ja nicht nur Ex-PDS-Chef, Ex-Wirtschaftssenator und ewige Hoffung seiner Partei, sondern mit 57 Jahren auch Vater eines achtjährigen Mädchens. Da sei er doch verpflichtet, "sich noch etwas zu erhalten".

Bloß - wie geht das, sich zu erhalten, runterzubremsen nach Jahren in Höchstgeschwindigkeit, in denen das Hirn pausenlos in Adrenalin gebadet war? Gysi kämpft jetzt mit diesem Phänomen, das so viele seiner Kollegen aus Spitzenjobs holt: mit dem Kollaps des Systems nach mutwilligem Verschleiß. Horst Seehofer hat diesen Kollaps erlebt, der CSU-Gesundheitsexperte, oder Verteidigungsminister Peter Struck. Männer, die fast umgekommen sind vor Stress und doch nicht von ihm lassen können.

Auch Gysi ist ja so ein Süchtling, der seine Auftritte braucht wie der Vampir das Blut. Aber immerhin, er gibt sich Mühe. Er geht jetzt nicht mehr in jede Talkshow, isst viel Gemüse und hat das Dauerrauchen eingestellt. Gartenarbeit haben sie ihm verordnet und ein regelmäßiges Leben, "das ist wahnsinnig schwer". Eigentlich ist er noch in Reha, aber drei Tage die Woche darf er wieder arbeiten, sagt er. Weshalb er für die nächsten Tagen zwei große Prozesse samt Hotelübernachtung geplant hat.

Stille zu ertragen und Rücksicht zu nehmen auf diesen schmächtigen Körper, der ihm schon früher mal weggeknickt ist, das war wohl nie das Talent des Gregor Gysi. Als kleiner Junge lag er mal ein halbes Jahr im Krankenhaus, wegen einer Herzmuskelentzündung, und dass er danach nie wieder bei Langstreckenläufen mitmachen durfte, das hat er weggewitzelt. Noch heute erzählt er sehr vergnügt von dem Tag, als er morgens noch im Fernsehstudio saß, um dann "ganz gemütlich" in die Klinik zu fahren. Zur Gehirnoperation.

Angst ist natürlich kein Thema für einen wie Gysi. Eigentlich. "Ich glaube, ich habe eine gute Fähigkeit, das nicht an mich ranzulassen", sagt er. "Bisschen komisch" sei ihm erst geworden, als die Ärzte ihm erklärten, welche Sonde sie wohin schieben. Und jetzt? Er zögert kurz, erzählt dann von diesen Fremdwörtern, die manchmal in seinem Kopf verloren gehen. Oder von seinem rechten Arm, der erstmal liegen blieb, als er ihn heben wollte. Jetzt sind die Finger fast so schnell wie früher. Er trommelt in die Luft. Es ist ein ungeduldiges Staccato.

Gysi weiß, dass er Riesenglück gehabt hat. Und dass nichts mehr ist, wie es mal war. Er nimmt das Wort Tod nicht in den Mund, spricht lieber von "Endlichkeit" und von seinen Überlegungen, was eigentlich übrig bleiben würde von ihm ohne sein flottes Mundwerk. "Mein Sprachzentrum", sagt er. "Da sitzt doch alles, was ich gelernt habe und was die Leute an mir mögen." Aufzuwachen und "gescheit genug zu sein, um zu merken, dass ich behindert bin", das wäre womöglich schlimmer als der Tod. Er will sich jetzt konzentrieren, aufs Wesentliche.

Aus dem Bundestag gefegt

Und dann erzählt Gysi eine Geschichte, die in der Gegenwart spielt, aber schon vor Jahren begonnen haben könnte. Sie handelt von den Verlockungen der Macht, vom In-die-Pflicht-genommen-werden und der Bestechlichkeit des Herzens. Aufzusteigen und wichtige Leute nicht vor den Kopf zu stoßen, das gehöre zu jeder Karriere, sagt er. Gysi hat sich ja immer wieder von der PDS in Spitzenämter hieven lassen. Aber es gab wohl auch schon vor der Wende Menschen, die ihn in die Pflicht nehmen wollten.

Er erwähnt das Wort Stasi nicht, spricht nicht von seinem Vater, der ein treuer Genosse war und die gleiche Treue von seinem Sohn erwartete. Gysi redet von der PDS, wo er diese Machtspiele erlebt hat und das ewige Du-musst. All das verliere nun an Bedeutung. "Leute, die in meiner Situation waren, sind auf eine bestimmte Art nicht mehr korrumpierbar", sagt er. Fragt man ihn, wie er das meint, verweist er auf Horst Seehofer, der nach seiner Lebenskrise für eine andere Gesundheitsreform gekämpft habe, ohne Rücksicht auf den eigenen Posten. "Man lässt sich", sagt er, "einfach nicht mehr so leicht disziplinieren."

Gregor Gysi wird wohl nicht mehr als Spitzenkandidat der PDS antreten, auch wenn er das erst Ende 2005 entscheiden will. "Ich wollte nie mein Leben wiederholen und ich weiß nicht, ob ich mich da noch wohlfühlen würde", sagt er. Gysi weiß, dass die Partei verloren ist ohne ihn, dass sein Abgang von der politischen Bühne die PDS fast restlos aus dem Bundestag gefegt hat. Natürlich gibt er das nicht zu, redet von tollen Wahlerfolgen in Thüringen und Brandenburg.

Dass er selbst jetzt woanders zuhause ist, verrät er dann nur so nebenbei. Als er über den Irakkrieg schimpft, den amerikanischen Präsidenten und den "neoliberalen Block", gegen den anzukämpfen ihm manchmal die Kraft fehlt. Irgendwann wird er das den Genossen erklären müssen. "Die Leute zu enttäuschen, das geht mir zum Teil sehr nah", sagt er. "Da ist in mir die Welt durcheinander."

Manchmal sieht man Gysi jetzt, wie er sich am Ende eines Tages in sein Auto setzt, ein Hörbuch anschaltet und sehr konzentriert durch die Sozialistenbrille guckt. Selbst am Steuer zu sitzen, das hat jetzt einen neuen Wert für ihn. Längere Strecken darf er noch nicht fahren, und manchmal kostet es ihn etwas Mühe, sich zurechtzufinden. "Ich habe verstanden, was Verlust bedeutet", sagt Gysi. Er sieht nicht unglücklich dabei aus.

© SZ vom 15.3.2005
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