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Gütesiegel:Garantie für Höchstpreise

Bio

Mehr als 1000 Siegel und Zeichen gibt es in Deutschland, viele davon betreffen Lebensmittel. Wer soll da noch durchblicken?

(Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa)

Sie gibt es auf Lebensmitteln zuhauf. Vor allem die Hersteller profitieren davon.

Von Silvia Liebrich

Milch einkaufen ist eigentlich ganz einfach: in den Supermarkt gehen, ins Regal greifen, zahlen, fertig. Wären da nicht die vielen Gütesiegel und Zeichen auf den Verpackungen. Bis zu fünf Zeichen und mehr sind auf manche Milchtüten gedruckt: Eigenschaften wie "ohne Gentechnik", "laktosefrei" "fettreduziert" und einiges mehr werden dort mitunter ausgelobt. Und das ist längst nicht alles. Mehr als eintausend Siegel und Zeichen gibt es in Deutschland, viele davon betreffen Lebensmittel. Wer soll da noch durchblicken?

Verbraucherschützer sehen die Flut von Informationen kritisch. "Wenn allein fünf Zeichen auf einer Milchpackung stehen, überfordert das die meisten Menschen", sagt Stephanie Wetzel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Für Verbraucher sei es da schwer, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Untersuchungen zeigen, dass Verbraucher eine Verpackung nicht länger als zwei Sekunden anschauen. Auf die Rückseite, wo das Kleingedruckte steht, schauen ohnehin die wenigsten.

Hinzu kommt, dass Konsumenten mit den meisten Zeichen wenig oder gar nichts anfangen können, wie Achim Spiller erklärt, der an der Universität Göttingen Professor für Marketing von Lebensmitteln ist. "Nur das Bio-Zeichen erkennen 90 Prozent der Verbraucher, dann geht es rapide runter", konstatiert er. Was aber versprechen sich Hersteller, wenn sie solche Zeichen nutzen? "Unternehmen wollen sich mit Kennzeichen vom Standardmarkt abheben, dann können sie einen höheren Preis verlangen", sagt Spiller, der dem wissenschaftlichen Beirat im Ernährungsministerium von Julia Klöckner (CDU) angehört.

Die meisten, die glutenfreie Produkte kaufen, bräuchten das gar nicht

Vor allem Hersteller, die "Frei von"-Produkte anbieten, langen kräftig zu. "Tatsächlich sind solche Spezialprodukte nicht selten doppelt so teuer wie normale", ergänzt Spiller. Und die Zielgruppe der sensiblen Esser wächst, fett- und zuckerreduzierte Lebensmittel stehen hoch im Kurs, wie auch Spezialkost für Allergiker. Entsprechend steigen die Verkaufszahlen. Mit glutenfreien Lebensmitteln wurden 2017 hierzulande mehr als 170 Millionen Euro umgesetzt. Laktosefreie Milchprodukte, also solche ohne Milchzucker, brachten es fast auf das Dreifache. Neuere verlässliche Daten liegen nach Angaben des Industrieverbandes BVE bisher nicht vor. Experten gehen aber von einem jährlichen Marktwachstum von zehn Prozent aus. Sie glauben auch, dass das Marktpotenzial der "Frei von"-Produkte längst nicht ausgeschöpft ist. Laktosefreie Produkte zählen sie bereits zum Standardsortiment des Handels, weil ein Drittel der deutschen Haushalte sie häufig kauft.

Tatsächlich wird ein Großteil dieser speziellen Nahrung von Menschen konsumiert, die sie eigentlich gar nicht bräuchten. Das Meinungsforschungsinstitut Nielsen stellt fest, dass inzwischen neun Prozent der Deutschen zu glutenfreien Produkten greifen, obwohl nur höchstens ein Prozent der Bevölkerung unter Zöliakie leidet, also einer echten Unverträglichkeit. Ähnlich sieht es bei laktosefreien Produkten aus. Bei gut 80 Prozent der Käufer liegt keine nachgewiesene Laktoseintoleranz vor, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt. Das heißt: Viele Konsumenten sind offenbar bereit, viel Geld auszugeben, im Glauben, sich damit etwas Gutes zu tun, obwohl wissenschaftliche Belege dafür fehlen.

Viele Menschen verstehen die Zeichen gar nicht. Trotzdem kaufen sie

Wer ganz sicher profitiert, das sind Hersteller solcher Lebensmittel. Entsprechende Zeichen auf der Verpackung sind dabei eine wichtige Hilfe. "Siegel erhöhen die Kaufbereitschaft und können als Marketinginstrument verstanden werden", bestätigt eine Sprecherin des Lebensmittelverbands Deutschland: Dazu passt, was die Marktforscher von Splendid Research herausfanden. Demnach steigt die Zahlungsbereitschaft bei Käufern im Schnitt um 15 Prozent, sobald auch nur ein Gütesiegel im Spiel ist.

Dabei kann der Preisunterschiede zwischen normalen und "Frei von"-Produkten erheblich sein. Glutenfreies Brot etwa kostet Konsumenten ein Vielfaches von normalem Brot. Hersteller rechtfertigen das unter anderem mit einem größeren Produktionsaufwand. Tatsächlich dürfte die Gewinnspanne aber deutlich höher ausfallen als bei normalem Brot. Die Aussicht auf höhere Erträge lockt inzwischen selbst Großbrauereien, so will Bitburger in diesem Jahr sein erstes glutenfreies Bier herausbringen. Größter Anbieter von glutenfreien Backwaren ist Dr. Schär mit einem Marktanteil von 60 Prozent in Deutschland. Der Jahresumsatz der Südtiroler Firmengruppe liegt weltweit bei gut 350 Millionen Euro. Laktosefreie Milch bietet inzwischen fast jede größere Molkerei an.

Einig sind sich Verbraucherschützer und Produzenten zumindest darin, dass Siegel und Kennzeichen durchaus eine wichtige Orientierungshilfe sein können. "Hersteller nutzen Label, um Konsumenten schnell und einfach zu informieren", heißt es beim Lebensmittelverband. Verbraucherschützerin Stephanie Wetzel verweist auf das grüne V auf gelbem Grund, das für vegetarische und vegane Produkte steht. Es werde von Konsumenten inzwischen sehr gut angenommen und geschätzt. "Da reicht ein Blick, und man muss nicht die ganze Zutatenliste interpretieren können", sagt sie.

Grundsätzlich kritisch sieht sie jedoch die Vielzahl von Kennzeichen insgesamt. "Die meisten Menschen verstehen viele Siegel nicht, obwohl sie verkaufsfördernd wirken", meint sie. Auch könnten sie nicht differenzieren, was deren Verlässlichkeit angehe. "Ein Zeichen wie das Biosiegel bedeutet, dass solche Produkte von unabhängigen Stellen geprüft werden." Dies sei jedoch keinesfalls mit einem Weidelandsiegel auf Milchtüten vergleichbar. Hier könne sich jede Molkerei, jeder Händler eine eigene Definition basteln. Ob diese eingehalten werden, lässt sich schwer prüfen. Eigentlich wäre dafür die Lebensmittelüberwachung zuständig, doch dafür fehlen die Kapazitäten.

© SZ vom 10.06.2020
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