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Grüner Punkt:Eine Lebenslüge

Recycling ist eine tolle Idee, aber nur, wenn es ernst gemeint ist.

Ihren Lebensstil dürfen die Deutschen reinen Gewissens pflegen. Sie konsumieren zwar fleißig, das aber mit grünem Punkt: Was sie an Plastikmüll hinterlassen, landet in gelben Tonnen und auf Wertstoffhöfen, wird sortiert und bestenfalls wiederverwertet. Derweil wächst der Verpackungsmüll, weil kleine Gummibärchentüten in großen Gummibärchentüten verkauft werden, Butter in Plastikschalen und Obst in Klarsichtfolie. Alles mit grünem Punkt, versteht sich.

Nun bringt die Regierung im fernen Peking Europas System in Schwierigkeiten. Weil China zunehmend auf eigene Kreisläufe setzt, will die Volksrepublik keine Plastikabfälle mehr importieren. Prompt droht hierzulande ein Überschuss an recyceltem Material. Bisher ging nämlich jede zweite Tonne aus deutschen Sortieranlagen nach China. Jawohl: jede zweite.

Recycling an sich ist eine tolle Idee. Wenn es aber mit stetig wachsenden Müllmengen einhergeht, ist für die Umwelt wenig gewonnen. Und noch weniger, wenn das recycelte Material am Ende keiner haben will. Dann wird das schöne Konzept zum ökologischen Selbstbetrug, und der Kunststoff endet doch als Brennstoff. Um das zu verhindern, müssen Unternehmen den Zyklus der Stoffe künftig mitdenken: Sie müssen Produkt und Verpackung so konzipieren, dass sich einzelne Kunststoffe leicht trennen und sortieren lassen. Vor allem aber müssen sie mehr von dem Material einsetzen, das zurückkommt. Es heißt schließlich: Wiederverwertung.

© SZ vom 03.01.2018