Großbritannien Gemäßigter Auftakt

In der Fragestunde des britischen Unterhauses treffen Labour-Chef Jeremy Corbyn und Premier David Cameron erstmals aufeinander. Die sonst so krawallige Runde gerät überraschend sachlich und freundlich.

Von Christian Zaschke, London

Zwei Fragen stellten sich die meisten politischen Beobachter vor dem ersten Aufeinandertreffen von Labour-Chef Jeremy Corbyn und Premierminister David Cameron im britischen Unterhaus: Würde Corbyn einen Anzug tragen? Und würde es ihm gelingen, einen neuen, sachlicheren Ton in die wöchentliche Debatte zu bringen? Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja. Corbyn erschien am Mittwoch in einem grauen Anzug mit senfgelblich-olivgrünlicher Krawatte, und er sagte gleich zu Beginn: "Ich dachte mir, dass ich die Sache bei einem ersten Auftritt etwas anders angehe."

In der Vergangenheit herrschte während der wöchentlichen Fragestunde des Premiers im Parlament bisweilen ein Lärm wie im Fußballstadion. Insbesondere zu Beginn der halbstündigen Veranstaltung, wenn sich Regierungschef und Oppositionsführer ein Duell der Worte liefern, geraten viele Abgeordnete in Wallung. Sie rufen, brüllen und wedeln mit ihren Unterlagen und versuchen, die Gegenseite aus dem Konzept zu bringen. Das ist oft unterhaltsam, aber manchmal auch albern.

Er beherrscht das harte Rede-Duell im Unterhaus, diesmal aber zeigte sich Großbritanniens Premier David Cameron ungewohnt konziliant.

(Foto: Jack Hill/AFP)

Corbyn hatte gesagt, ihm sei das zu theatralisch. Er hat seine Unterstützer gebeten, ihm zu schreiben, was sie den Premier fragen wollen, und 40 000 Antworten erhalten. Daraus hat er sechs Fragen ausgewählt, und stets sagte er dazu, wer ihm die Frage geschickt hatte: "Marie" wollte zum Beispiel wissen, warum es nicht mehr bezahlbaren Wohnraum gebe, "Paul" fragte nach der Besteuerung von Familien und "Gail" danach, warum der Behandlung psychischer Erkrankungen nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet werde. Corbyn las diese Fragen sachlich ab, Cameron antwortete sachlich - und auch er erwähnte jedes Mal den Namen der fragenden Person. Das war alles ungewohnt friedlich, und was besonders auffiel: Die meisten Abgeordneten hörten in Ruhe zu.

Das Gros der Kommentatoren ist der Ansicht, dass Corbyns Taktik aufgegangen ist. Durch die personalisierten Fragen präsentierte er sich als bürgernah, zudem stellte er sicher, dass der Premier sich nicht über die Fragen lustig machen konnte - er hätte ja namentlich genannte Wähler beleidigt. Das war ein geschickter Zug, denn Cameron beherrscht die krawalligere Form der Fragestunde sehr gut, das hat Corbyns Vorgänger Ed Miliband oft leidvoll zu spüren bekommen.

Auch der neue Oppositionsführer Jeremy Corbyn blieb sachlich-friedlich - und erschien im Anzug.

(Foto: AFP)

Der Nachteil des von Corbyn gewählten Formats ist, dass es ihm keine Nachfragen erlaubt. Noch jeder Premier ist mit einem leicht mulmigen Gefühl in die Fragestunde gegangen, weil vorher nicht klar ist, was gefragt wird und wie sich die Diskussion mit dem Oppositionsführer entwickelt. Im Zweifel muss man sehr schlagfertig antworten. Nun konnte Cameron auf die vorhersehbaren Fragen Antworten geben, die klangen, als lese er das Regierungsprogramm vor.

Die konservative Presse kritisierte sogar Corbyns Garderobe auf einer Kriegs-Gedenkfeier

Auf persönliche Attacken verzichtete Cameron. Dabei hätte es durchaus eine Vorlage gegeben. Am Dienstag hatte Corbyn bei einer Gedenkfeier zur Luftschlacht um Großbritannien im Zweiten Weltkrieg die Nationalhymne nicht mitgesungen. Das hat die konservative Presse in Rage versetzt, die überdies darauf hinwies, Corbyns Sakko habe nicht zur Hose gepasst, mithin: Er habe sich den Kriegshelden gegenüber respektlos verhalten. Corbyn sagte, er habe derer still und würdevoll gedacht und halte das für angemessen. Er wolle das auch in Zukunft so halten. Die leicht absurde Debatte nahm allerdings so an Fahrt auf, dass ein Labour-Sprecher am Mittwoch verkündete, der Chef werde die Hymne "God Save the Queen" künftig selbstverständlich mitsingen. Corbyn ist für die Abschaffung der Monarchie.

Cameron ging auf dieses Thema nicht ein. Er blieb konziliant und gratulierte Corbyn sogar zu dessen "überwältigendem Sieg" bei der Wahl zum Parteivorsitzenden. Die Strategen in der Downing Street hatten in den vergangenen Tagen überlegt, wie sie auf Corbyns sachlichen und freundlichen Ton reagieren sollen. Sie haben offenkundig entschieden, dass der Premier einstweilen ebenso sachlich und freundlich auftritt. Dass es im britischen Unterhaus nun so gediegen zugeht wie im deutschen Bundestag, steht allerdings nicht zu befürchten: Nachdem die beiden Männer ihren Austausch beendet hatten und auch andere Abgeordnete dem Premier Fragen stellen durften, erreichte der Lärmpegel wieder gewohnte Höhen.