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Grenzöffnungen:Lob der Langsamkeit

Die Reisefreiheit über die Landesgrenzen hinweg gehört zum Identitätskern des modernen Europa. Dennoch war es richtig, die Schlagbäume in der Virus-Krise vorläufig wieder herabzulassen. Und sie sollten jetzt nur ganz vorsichtig hochgezogen werden.

Die Reisefreiheit ist unverzichtbar für die Europäische Union. Nach zwei Weltkriegen die Schlagbäume hochzuziehen zwischen Nationen, die sich kurz zuvor noch zu vernichten suchten, war und ist identitätsstiftend für den Kontinent. Auch das Coronavirus darf kein Grund sein, Europas Grenzen dichtzumachen, jedenfalls nicht auf Dauer. Bei den Lockerungen, die sich jetzt hinsichtlich der Reisefreiheit ankündigen, ist allerdings größte Vorsicht angeraten - und Schneckentempo.

Richtig ist, dass Viren keine Landesgrenzen kennen. Falsch ist, daraus zu schließen, Grenzkontrollen brächten gar nichts. Dass der Reiseverkehr brachliegt, hat erheblich zur Senkung der Infektionsraten beigetragen. Möglichst wenig bewegen, diese unbequemste aller Corona-Rücksichtnahmen, rettet viele Leben und darf auch international nicht plötzlich aufgegeben werden. Denn freiwillig schränkt sich nur noch eine Minderheit ein.

Wer jetzt alle Grenzen gleichzeitig öffnen will und die Quarantäneregel kippen, die Deutschland-Rückkehrer zur Isolation zwingt, braucht sich nicht zu wundern, wenn im Sommer wieder der Ballermann grüßt: mit Suff und Bussibussi und Infektionsraten à la Ischgl. Wer das nicht will, muss die Kunst der Langsamkeit üben. Bei Grenzöffnungen und auch im nächsten Urlaub.

© SZ vom 13.05.2020
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