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Glyphosat:Ein Mittel zur Vernichtung von Unkraut und Vertrauen

Die Art und Weise wie in der politischen Auseinandersetzung mit den Sorgen der Menschen umgegangen wird, ist Futter für jeden Verschwörungstheoretiker.

Von Jan Heidtmann

Glyphosat ist ein Killer. Dort, wo es versprüht wird, tötet das Unkrautvernichtungsmittel wahllos Pflanzen, es raubt Insekten und Vögeln das, was sie brauchen, um zu überleben. Über Ausspülungen landet das Gift in Flüssen, im Grundwasser und im Urin. Hoch dosiert, kann es offenbar Krebs auslösen. Die Bauern in Ländern wie Argentinien und Brasilien, wo Glyphosat von Flugzeugen aus versprüht wird, wissen, wovon die Rede ist.

Glyphosat ist ein Segen. Es beseitigt alles Unkraut, so können Mais, Weizen und Kartoffeln bestens gedeihen. Es ist im Vergleich zu anderen Herbiziden billig; weil der Bauer sich damit auch eine Menge Zeit am Pflug spart, kann er seine Feldfrüchte weltweit zu guten Preisen anbieten. Und in den kleinen Mengen, in denen die Menschen in Europa Glyphosat zu sich nehmen, birgt es offenbar kein Krebsrisiko.

Und jetzt? Seit zwei Jahren streiten Wissenschaftler und Politiker darüber, ob das Mittel in Europa langfristig zugelassen werden soll. Die Intensität dieser Auseinandersetzung gleicht inzwischen dem Hauen und Stechen in manch einer Beziehung: Beide Seiten gönnen sich nichts, beide Seiten spielen nicht sauber. Die der SZ und der New York Times vorliegenden Dokumente über die Bemühungen von Monsanto, Umweltbehörden und Wissenschaftler unter Druck zu setzen, sind ein Beispiel dafür. Die völlig überzogenen Warnungen von Umweltschützern vor Glyphosat in Bier oder Muttermilch ein anderes.

Futter für die Verschwörungstheoretiker

Glyphosat ist schon lange nicht mehr einfach ein Unkrautvernichtungsmittel. Es ist das Symbol für die mutmaßlich bedrohliche Allmacht der Agrarkonzerne, für eine immer weiter fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft, für ein Leben, das viele Menschen so nicht mehr wollen. Wenn jetzt die europäische Chemikalienagentur feststellt, Glyphosat errege keinen Krebs, dann spielt das in dieser Debatte kaum noch eine Rolle. Etwa so wenig wie die Feststellung, dass die Menschen in Industrieländern ständig irgendwelche giftigen Stoffe aufnehmen, Schwermetalle, Dioxine; dass ein Stück Fleisch oder ein Glas Bier auch ohne Herbizid darin krebserregend ist; dass ein Leben in diesem Wohlstand eben auch Nebenwirkungen hat. Denn die Auseinandersetzung um Glyphosat ist keine wissenschaftliche mehr, sondern eine politische.

Die Art und Weise, wie dabei mit den berechtigten und unberechtigten Sorgen der Menschen umgegangen wird, ist Futter für jeden Verschwörungstheoretiker. So können Firmen wie Monsanto selber Studien zu ihren Herbiziden erstellen, damit diese zugelassen werden. Diese kommen dann unter Verschluss, selbst unabhängige Forscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dürfen sie nicht einsehen. Die Institutionen aber, die sich für Glyphosat ausgesprochen haben, konnten sich sehr wohl auf die von der Industrie finanzierten Studien stützen. Die EU muss hier Transparenz schaffen. Denn die toxische Wirkung des Herbizids ist bereits eine ganz andere, Glyphosat ist zu einem Vertrauensvernichtungsmittel geworden.

© SZ vom 17.03.2017
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