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Gewerkschaften:Eine halb geheime Macht

Fast alle Gewerkschaften legen offen, wie viele Mitglieder sie zum Jahresende hatten. Nur eine weigert sich - damit Arbeitgeber nicht wissen, wie stark ihr Gegner ist.

Worüber sprechen Menschen gern? Über ihre Forderungen und Erfolge. Worüber sprechen sie nicht so gern? Eben. Auch in dieser Hinsicht sind Gewerkschafter ziemlich normale Menschen.

Mittwochabend, ein Restaurant im Frankfurter Süden. Am Mikrofon steht Robert Feiger, der Vorsitzende der IG Bau, und trägt gut acht Seiten Manuskript vor. Er freut sich, dass der Bundestag aufgrund seines Drängens ein Gesetz verabschiedet hat, das der Sozialkasse des Baugewerbes den Fortbestand sichert. Er fordert, dass der Staat mehr Brücken und Straßen als bisher saniert. Wer indes wissen will, wie stark, wie durchsetzungsfähig eine Gewerkschaft ist, der will wissen, wie viele Mitglieder sie hat. Die Angaben dazu in Feigers Manuskript sind: dezent. Er sagt, dass in der Gebäudereinigung die Zahl der Mitglieder steige. Es folgt der Satz, dass dies "jedoch nicht verhinderte, dass unter dem Strich ein Mitgliederverlust für die IG Bau steht". Und schnell weiter mit einem Ausblick auf die Tarifrunde.

Es gibt für Gewerkschaften nichts wichtigeres als Mitglieder. Parteien brauchen Wähler, Kirchen brauchen Gläubige, Gewerkschaften brauchen Mitglieder. Wer Arbeitgebern nicht mit Mitgliedern imponieren kann, der kann sie auch nicht mit Streikdrohungen beeindrucken. Wer mit Streiks nicht einmal drohen kann, der braucht zu Tarifrunden gar nicht erst anzurücken. Auf Nachfrage nennt der IG-Bau-Chef dann doch die Mitgliederzahl: 263 818. Fast 10 000 weniger als vor einem Jahr. Ein Minus von drei Prozent. Warum?

Immer zum Jahreswechsel bilanzieren die Gewerkschaften die Entwicklung ihrer Mitgliederzahl. Die acht DGB-Gewerkschaften sind dabei sehr genau. Mal aus Eigeninitiative, mal auf Nachfrage teilen sie aufs Mitglied genau den Stand mit. Der Beamtenbund, der andere Dachverband, liefert zwar ebenfalls detaillierte Angaben, aber immer nur bezogen auf die Gesamtheit der Mitglieder. Viele seiner 42 Gewerkschaften bevorzugen es, nur ungefähre Angaben zu machen. Wer Claus Weselsky, den Chef der GDL, fragt, der erhält seit Jahr und Tag dieselbe Antwort: "34 000 Mitglieder".

Warnstreiks im öffentlichen Dienst

Lehrer und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes protestieren Anfang Februar in Schwerin für höhere Löhne. Zu der Kundgebung hatte die Bildungsgewerkschaft GEW aufgerufen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Berufsgewerkschaften sind stabil. Viele DGB-Gewerkschaften sind nach wie vor unter Druck

Ähnlich kursorisch äußern sich auch diejenigen Berufsgewerkschaften, die keinem Dachverband angehören, zum Beispiel die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) und die Vereinigung Cockpit. Die "Unabhängige Flugbegleiter-Organisation" (UFO) weigert sich sogar kategorisch, irgendeine Zahl zu nennen. "Die Schätzungen reichen von 15 000 bis 30 000", sagt der Vorsitzende Nicoley Baublies. "Wir nehmen dazu nie Stellung."

Der Grund für die unterschiedliche Informationspolitik: Arbeitgeber sollen nie genau wissen, wie stark der Gegner ist, mit dem sie es zu tun haben. Die DGB-Gewerkschaften sind branchenweite Gewerkschaften. Wer eine Zahl wie 2 274 033 (IG Metall) oder 278 306 (GEW) angibt, der lässt angesichts seiner vielen Verhandlungspartner jeden einzelnen dennoch in hinreichender Ungewissheit. Hat eine Gewerkschaft jedoch nur ein paar Tausend Mitglieder und bloß zwei, drei Kontrahenten, könnten die aus exakten Zahlen ihre Schlüsse ziehen.

Was sich zusammenfassend feststellen lässt: Die Berufsgewerkschaften sind tendenziell stabil oder wachsend. Die meisten Branchengewerkschaften haben jedoch weiterhin Mühe, die Zahl ihrer Mitglieder zu halten. Manchmal liegen die Gründe dafür bei ihnen selbst: Gerade die DGB-Gewerkschaften haben eine maskulin geprägte Tradition. Die prägenden Figuren, die von ihnen etablierten Rituale - alles männlich. Sie verbreiten ein Lebensgefühl, das Frauen und Jüngeren oft fremd ist. Sie haben vor allem zu Beginn der Nullerjahre die Interessen spezieller Berufsgruppen etwas aus dem Blick verloren: von Ärzten, Lokführern, Flugbegleitern. Die sind zu Berufsgewerkschaften abgewandert, fühlen sich dort wohl und kommen nicht zurück.

Manchmal haben es die Branchengewerkschaften strukturell schwer: Die IG Bau wurzelt in einer Zeit, in der es noch Baukonzerne gab, mit vielen Tausend Arbeitern. Hochtief aber beschäftigt heute nur noch 800 statt 14 000 Arbeiter, am Bau sind nun vorwiegend Subunternehmer im Einsatz, der durchschnittliche Baubetrieb hat weniger als zehn Beschäftigte. Je kleiner ein Betrieb, umso schwerer ist er zu organisieren. Die meisten Baubetriebe sind so klein, dass dort nicht einmal der Kündigungsschutz gilt. In solchen Strukturen neigen Arbeiter nicht dazu, sich zur Gewerkschaft zu bekennen.

Viele Gewerkschaften wissen zudem, dass sie in den kommenden Jahren unausweichlich schrumpfen werden - weil unter ihren Mitgliedern sehr viele Rentner sind. Bei Verdi ist es jeder Vierte, bei der IG Bau fast jeder Dritte. Viele Gewerkschaften messen ihren Erfolg daher nicht daran, ob sie die Zahl ihrer Mitglieder halten können, sondern wie sich die Relation bei den Berufstätigen entwickelt. Verdi ist, so gesehen, erfolgreich: Im vergangenen Jahr gab es in dieser Mitgliedergruppe zum neunten Mal nacheinander mehr Ein- als Austritte. Die IG Bau hingegen hat hier ernsthafte Probleme: 13 000 Eintritte, 18 000 Austritte. Die Baubranche hat es derzeit besonders schwer, ihre Fachkräfte zu halten. Und damit auch die Baugewerkschaft.