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Gewalt im Jugendgefängnis:"Siegburg ist keine Justizpanne, das ist eine Strafvollzugskatastrophe"

siegburg, ddp

Triste Aussichten in Siegburg

(Foto: Foto: ddp)

"Hier wirst du als Mensch gesehen, aber es ist anstrengend." Zustimmendes Murren. "Aber wir sind die Vorbilder im Knast." Stolzes Murren. Das Modell beruht auf Kommunikation, auf Eigenverantwortung. Im Gefängnis bekommt man Struktur normalerweise vorgesetzt, in G3 befolgen sie ihre eigenen Regeln. Gewalt gibt es selten, sie strengen sich an. Walter sagt: "Dass es erfolgreich ist, ist unbestritten. Aber in Zeiten, in denen man Wahlen gewinnt, indem man härtere Strafen propagiert, ist das schwierig."

Die Gesellschaft will, dass das Gefängnis schmerzt. Walter will, dass es hilft.

Er kennt die Entwürfe für das neue Jugendstrafvollzugsgesetz, auch den bayerischen, der den Schutz der Allgemeinheit das erste Mal vor das vom Bundesverfassungsgericht geforderte Ziel setzt, Inhaftierten ein künftiges straffreies Leben in Freiheit zu ermöglichen. Es klingt wie eine Kleinigkeit, aber es verschiebt die Prioritäten. Das macht ihm Sorgen.

Walter holt eine Flasche aus dem Regal. Unten ist sie dunkelblau, oben heller, darauf eine Plastikhaube. "Das ist ein geschlossenes System, wie Adelsheim", sagt er. Die Flasche ist voller Wasser, eine Glasfigur schwimmt darin, der Cartesische Taucher, er sieht aus wie ein Teufel. Wenn Walter nichts macht, hängt die Figur oben im Flaschenhals, als wollte sie raus. Drückt Walter mit dem Daumen auf die Haube, taucht sie ab.

"So ist das, wenn man Druck ausübt", sagt er, presst weiter, bis der Teufel ganz unten aufschlägt und hinter dunkelblauen Wänden verschwindet. "So ist das auch im Gefängnis, je mehr Druck wir ausüben, desto weiter tauchen die Jungs ab, in die Subkultur." Dorthin, wo sie keiner mehr sehen kann. Dorthin, wo sie auch keiner mehr schützen kann.

Auch Hermann Heibach konnte keiner mehr schützen. Es war Samstag, es waren vier Vollzugsbeamte für 715 Gefangene in der JVA Siegburg. Es war das erste Wochenende mit den zwei Neuen in der Zelle. Es war wie immer, wenn sich im Gefängnis die Konstellationen verändern, es war ein Kampf um Vorherrschaft, eine Festlegung der Hackordnung. Es sah von Anfang an nicht gut aus für einen wie Hermann Heibach.

Es gibt so viele Knastrituale: Verräter sind "Einunddreißiger", Kinderficker "Sittiche", es gibt Fensterrambos, die aus den Zellen heraus Sprüche machen, Opfer werden zum Weib gemacht. Und dann gibt es die Neuen, Frischfleisch. Alle wittern frisches Fleisch. Und alle hassen Vergewaltiger. Beim Hofgang gibt es Spiele, die Türken im Kreis, die Russen im Kreis, wenn ein Falscher durchgeht, ist er dran. Wer diesen Machtspielen ausweicht, ist Opfer.

Aber Opfer sein, ist absolutes Tabu. Draußen sind die Spielregeln anders, da kann man gehen, hier nicht, hier ist täglich Showdown. Deutsche heißen "Kartoffeln". Die russischen Aussiedler "Russenblock". Sie haben Tattoos an den Fingern und strenge Regeln, sie halten zusammen, versorgen sich gegenseitig. Sie kennen Schlimmeres. Wer einem Beamten die Hand gibt, ist bei den Russen ein Verräter.

Hermann Heibach war ein hagerer Bursche, ein bisschen tapsig, keiner, der zuschlägt. Pech gehabt.

Der Tag, an dem er lernte, dass man sich nach dem Tod sehnen kann, war ein Samstag. Zu dritt schlugen sie ihn, sie flößten ihm Urin ein, zwangen ihn, eine Tube Zahnpasta zu essen und aus dem Toilettenbürstenhalter Urin und Spucke zu trinken. Sie ließen ihn sein Erbrochenes vom Boden auflecken, ließen ihn Abschiedsbriefe schreiben und machten aus Kabeln Galgenstricke, an denen er sich aufhängen sollte. Zwei davon rissen.

In Siegburg, sagt ein Junge, der drin war, herrsche das Faustrecht, eine Art innere Anarchie, die Beamten seien unmotiviert, oft krank, der Umgangston brutal. Siegburg, heißt es, ist die härteste Anstalt, vom Klima her. Zellen in langen Gängen, laut, königlich-preußisch, eine Architektur der Einschüchterung. Irgendwann gelang es Hermann Heibach, den Notruf in der Zelle zu drücken. Aber was heißt das schon, am Wochenende schlagen die Jungs ständig aus Langeweile Alarm, meist kommt nichts aus der Gegensprechanlage als heiße Luft. Ein Beamter meldete sich, fragte, die Täter sagten: Fehlalarm.

Das war das Todesurteil. Fehlalarm.

Klaus Jünschke sitzt in einer kleinen Dachgeschosswohnung in Köln. Er kennt diese Knöpfe, die falsche Sicherheit suggerieren, er kennt die Beamten, die oft wegsehen, die brutalen Mithäftlinge, Schatten von Menschlichkeit.

Er kennt die Geräusche der Gefängnisschlüssel vor dem Hofgang, die Blicke der Beamten bei der Lebendkontrolle am Morgen, die Enttäuschung über Freunde draußen, die einen fallenlassen, die Hitzeschübe, wenn Besuch angekündigt ist. Zwei Meter mal vier Meter. Bett, Tisch, Waschbecken. Jeden Tag: Bett, Tisch, Waschbecken. Was hat er seine Zellenwand angestarrt, von Vorgängern bearbeitet.

Jünschke kennt den Unterschied zwischen Stahltüren und Holztüren, bei denen man sich bei Panikattacken zumindest ausmalen kann, wie man sie eintritt. Er weiß, was es heißt, wenn sie vor die Normalvergitterung am Fenster noch Feinvergitterung hängen. Vermeintliche Kleinigkeiten, lebensbestimmend, weil man nicht mal mehr mit Schnüren von Zelle zu Zelle "Pendeln" kann, Feuerzeug oder Tabak oder Zettel.

"Wir sind hier im Thema", sagt Klaus Jünschke, kein Lächeln.

Nur kein Knastkitsch

16 Jahre war er im Gefängnis. Auf den Fahndungsfotos der Baader-Meinhof-Gruppe trägt er einen Schnauzer und einen Pullover mit zwei weißen Streifen am Kragen. Am 22. Dezember 1971 überfiel er mit sechs anderen RAF-Mitgliedern eine Bank, der Polizist Herbert Schoner starb. Am 9. Juli 1972 wurde er festgenommen. 1988 begnadigt. 16 Jahre. Jünschke ist schon lange im Thema.

Sein Codename war "Spätlese". Er hat ihn von Gudrun Ensslin bekommen. Ihre Schwester Christiane sitzt mit ihm im Dachgeschoss, sie arbeiten zusammen an einem Buch über jugendliche Straftäter und an einer Ausstellung über den Zellenalltag. Jünschke ist für die Grünen Mitglied im Gefängnisbeirat, einer Art Mittler zwischen drinnen und draußen. Er kümmert sich um junge Menschen in Haft.