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Geschichtspolitik in Ungarn:Frei von Zufall

Husarenstolz: Regierungschef Viktor Orbán, Präsident Janos Ader, Parlamentschef Laszlo Kover (v. l.).

(Foto: Noemi Bruzak/AP)

Ungarn begeht den 60. Jahrestag des Volksaufstandes gegen das stalinistische Regime. Die Helden von 1956 beansprucht die Regierung von Viktor Orbán nun in ihrem Sinne. Und bleibt bei den Feiern ziemlich unter sich.

Von Cathrin Kahlweit, Budapest

Als Viktor Orbán schließlich spricht, ist der riesige Kossuth-Platz bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele Tausende sind gekommen. Sie hatten der szenischen Lesung eines Tagebuchs aus den dramatischen Tagen des Herbstes 1956 zugehört, dem polnischen Präsidenten höflich applaudiert, und doch nur auf ihn gewartet. Es ist ein grauer, kalter Tag, Budapest brummt vor Touristen, und im Stadtzentrum feiert sich Ungarn selbst unter einem Banner: "Ehre Deine Helden von einst, dann werden sie zu neuen Helden."

US-Diplomaten erinnern Budapest daran, dass Freiheit nicht nur ein Wort ist

Vor zehn Jahren, am 50. Jahrestag des Ungarn-Aufstands gegen das stalinistische Regime, der noch unter der sozialistischen Regierung begangen wurde, war das Podium voll gewesen mit Würdenträgern aus aller Welt , der deutsche und der österreichische Präsident waren gekommen und der EU-Präsident. Es war eine große Show für ein Land, dem Europa für die Grenzöffnung dankbar war. Heute steht neben Orbán nur der Pole Andrzej Duda, ein Bruder im politischen Geiste. Das Gedenken an 1956 in Ungarn ist selbstbezogener, isolierter geworden, und Europa hält sich zurück: Die Dankbarkeit für 1989 verblasst hinter der Irritation über eine Führung, welche die EU in der Flüchtlingsfrage vor sich hertreibt. Vor allem aus Washington war im Vorfeld der Feiern Kritik gekommen; US-Diplomaten verwiesen darauf, dass Freiheit nicht nur ein Wort sei, sondern auch gelebt werden müsse.

Wo immer die Orbán-Regierung mit Galas, Konzerten, Fahnenweihen und Kranzniederlegungen derzeit den Jahrestag des Volksaufstandes begeht, demonstriert sie, dass die Regierungspartei Fidesz die einzig rechtmäßige Erbin der Helden von einst ist: Wir selbst sind das Volk, sozusagen. Zwar hatten Regierung und Opposition des Aufstands nie gern gemeinsam gedacht, aber in diesem Jahr ist die Kluft tief wie nie. Orbán definiert Freiheit als Akt nationaler Selbstbestimmung, seine Gegner fordern Freiheit der Rede, der Presse, der Andersdenkenden im eigenen Land.

Ironie der Geschichte: 2006 hatte Fidesz, damals Oppositionspartei, nahe dem Astoria-Hotel in der Hauptstadt demonstriert und einen Rücktritt des "illegitimen" Ministerpräsenten Ferenc Gyurcsány gefordert, während rechtsextreme Demonstranten die offizielle Feier störten. Die Polizei ging gewaltsam gegen sie vor, es gab Straßenschlachten und mehr als hundert Verletzte. Diesmal hat die linke Opposition vor dem Astoria zur Demonstration gegen Fidesz aufgerufen; man müsse die Regierung niederpfeifen, hatte der Vizechef der Eggyütt-Partei, Peter Juhasz, gesagt, und 1000 Trillerpfeifen verteilen lassen.

Einige Tausend Demonstranten sind schließlich aufmarschiert, ein Veteran von 1956 protestiert, Orbán usurpiere die Revolution. Die Regierungsgegner mit den Trillerpfeifen ziehen zum Platz vor dem Parlament, hinter den Absperrungen wird getrötet und gepfiffen. Der Lärm kann nicht den Applaus der Anhänger Orbáns übertönen, der sagt, Freiheitsliebende müssten Brüssel schützen "vor Sowjetisierung und Menschen, die für uns bestimmen wollen, mit wem wir zusammenleben".

Würden die Proteste nicht stören, die von der Regierung umgehend als "unwürdig" gebrandmarkt werden, wäre die staatliche Inszenierung perfekt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die Regierungskommissarin für das Gedenkjahr 1956, Maria Schmitt, hatte schon bewiesen, dass sie als ideologiefeste Geschichtspolitikerin der Fidesz-Regierung verlässlich ist. Historikerin Schmitt, enge Vertraute Orbáns und Museumschefin vom Haus des Terrors, hat als Motto zum 60. Jahrestag ausgegeben: "Das Volk machte Geschichte."

Und so setzt sich nach dem offiziellen Auftakt in der Technischen Universität, wo mit Studentenprotesten vor 60 Jahren alles begann, ein Fackelzug in Bewegung. Diesmal sind es vor allem junge "Auslandsungarn", Schüler ungarischer Abstammung aus Rumänien, Serbien , der Slowakei, die sich an einem Wettbewerb beteiligt hatten und nun, mit Schultaschen und Sportrucksäcken ausgerüstet wie für eine Wanderung, mit Fackeln hinter zwei alten Lastwagen hermarschieren dürfen. Auf den Ladeflächen: Revolutionsdasteller in historischen Kostümen der 50er Jahre. Der malerische Zug marschierte über dieselben Straßen, auf denen einst die Studenten entlangzogen, ehe sie sich, gestützt von einer anschwellenden Menge, vor Parlament und Rundfunkgebäude aufbauten, um ihre Forderungen zu verkünden: Abzug der Sowjetarmee, Freiheit für Ungarn.

Zurück blieb eine versehrte Gesellschaft, die Europas Haltung nicht verzieh

Dann kam Imre Nagy. Der Reformer versuchte mit einer Mehrparteienregierung und dem Austritt aus dem Warschauer Pakt eine Zeitenwende für sein Land und ganz Osteuropa einzuläuten. Doch nach Straßenschlachten, Generalstreik und langen Verhandlungen mit Moskau, schickte er in mehreren Sprachen eine Hilferuf in die Welt. Ohne Erfolg. Die Rote Armee machte dem Aufstand, der sich auf ganz Ungarn ausgeweitet hatte, brutal ein Ende.

Die Folge: Tausende Tote, ein Exodus gen Westen, eine versehrte Gesellschaft, die Europa seine Ambivalenz nicht vergeben konnte: Der Westen hatte sympathisiert mit den Freiheitshelden, aber die zugleich ausgebrochene Suez-Krise war dringlicher erschienen, und an einer Konfrontation mit den Russen hatte man in Washington und Europas Hauptstädten kein Interesse. Die Welt schaute zu.

Den Schweden Anders Engman verfolgt diese Erinnerung bis heute. Am Gedenkwochenende 2016 steht er, auf den Stock gestützt, bei einem Empfang für Ehrengäste, schaut auf den nachgestellten Fackelzug und sagt gerührt: "Genau wie damals." Engman wurde als junger Fotoreporter nach Budapest geschickt, um die Rebellion zu dokumentieren. Seine Fotos zeigen todesmutige Menschen inmitten von Trümmern im Kampf gegen monströse Panzer; aber sein bekanntestes Bild ist ein Mann, der in Mantel und Hut auf einem Faltstuhl hockt und selbstvergessen das Chaos zeichnet. Es ist der Maler Tibor Andras; das Foto hängt im Eingang einer Ausstellung im Nationalmuseum mit Kunst von 1956.

Am Ausgang, als letztes Exponat, ist der Staatsakt für Imre Nagy zu sehen, mit dem der Held von 1956 Jahrzehnte später rehabilitiert wurde. Es war der Tag, an dem Viktor Orbán berühmt wurde. Der Schwede Engman wurde in den Tagen der großen Aufwallungen und der großen Hoffnungen übrigens aus Ungarn abgezogen - an den Suezkanal.

© SZ vom 24.10.2016
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