Gastkommentar Zeit der Beschneidung

In Tansania ist es verboten, Frauen zu verstümmeln. Doch im Wahljahr hält sich niemand daran.

Von Regina Andrea Mukama

Als Frauen in Afrika müssen wir uns mit vielem auseinandersetzen. Frauen werden von Dorfgemeinschaften, Clans und Familien als Werkzeug benutzt. Nicht nur von Männern - auch die eigenen Schwägerinnen sehen einen als Werkzeug, das sie benutzen können. Frauen sammeln Feuerholz, sie gehen kilometerweit zu Fuß, um Wasser zu holen, sie kümmern sich um die Kinder und arbeiten hart auf den Feldern. Aber Entscheidungen in Familienangelegenheiten treffen dürfen sie nicht. Wir besitzen kein eigenes Haus, unsere Kleidung gehört uns nicht und unser Land auch nicht.

Auch ich war ein Opfer dieser traditionellen Kultur. Als mein Mann bei einem Autounfall starb, blieb ich mit unseren sechs Kindern zurück. Die Familie meines Mannes wollte mich an meinen Schwager weiterverheiraten. Ich weigerte mich, deshalb sollte ich aus dem Dorf vertrieben werden - ohne meine Kinder. Aber ich wollte sie nicht zurücklassen. Also nahm ich sie und lief weg. Wir fanden bei meinen Eltern Unterschlupf.

Seitdem ist viel passiert. Als Witwe war ich ein Nichts, aber jetzt bin ich jemand. Es hat lange gedauert, und mich viel Kraft gekostet. Jetzt versuche ich, anderen zu helfen - Witwen, Ehefrauen und Mädchen in den ländlichen Gebieten in Nordtansania. Ich arbeite für das Frauenreferat der katholischen Diözese Musoma. Wir sagen den Frauen, dass sie es verdient haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Das ist nicht einfach, wir haben viele Gegner. Sogar die Witwen selbst sagen manchmal: Wenn Frauen zu selbstbewusst werden, zerbrechen die Familien. Sie erzählen, dass Gott die Frau erschaffen habe, um dem Mann untertan zu sein. Aber der Wandel ist sichtbar. Früher durften Frauen überhaupt keinen Besitz haben. Jetzt trifft man Frauen, die eigene Häuser bauen, und ihre eigenen Ziegen und Hühner haben. Kleine Zeichen der Veränderung.

Die weibliche Beschneidung, oft "FGM" genannt (Female Genital Mutilation), ist ein zentrales Problem in unserer Region. Die Genitalverstümmelung, die Frauen das Lustempfinden raubt, ist eines der Rituale, die noch immer tief in unserer Kultur wurzeln. Manche Volksgruppen haben die Tradition aufgegeben, aber einige praktizieren sie noch immer. Im Dezember 2014 mussten wir in einem Ort namens Masanga ein Auffangzentrum eröffnen, als die "Beschneidungszeit" begann. In diesem Gebiet lebt das Volk der Kurya, dort sind traditionelle Rituale weitverbreitet. Das Zentrum ist normalerweise eine Schule, aber während der Beschneidungszeit dient es als Zufluchtsort für Mädchen, die vor dieser brutalen Praxis fliehen. Kinder aus allen Ecken der Diözese kamen, einige sogar aus Kenia.

Erstmals haben wir das Zentrum 2006 errichtet. Damals erwarteten wir etwa 25 Flüchtlinge; es wurden viel mehr. Anfang Januar 2015 waren es mehr als 600. Viele Kinder wurden von ihren Eltern gebracht, die sich vor den Stammesältesten fürchteten, die die Beschneidungszeremonien organisieren. Andere kamen allein. Manchmal erlaubt die Mutter ihnen die Flucht, der Vater aber nicht, und umgekehrt. Sie fliehen, sobald sich die kleinste Gelegenheit dazu bietet. Wir müssen sie mit Essen versorgen, mit Kleidung und ihnen einen Platz zum Schlafen geben. In der Nacht schlafen sie auf Matratzen im Klassenzimmer. Manche Neuankömmlinge brachten Krankheiten mit wie Malaria. Die Regierung unterstützt uns nicht so, wie wir uns das erhoffen. Sie schickten Polizisten, um unser Camp zu bewachen. Aber die taten nichts, um die Praxis zu beenden. Offiziell steht weibliche Beschneidung in Tansania unter Strafe.

Viele Mädchen in Afrika kennen heute ihre Rechte und fordern sie ein

Aber dieses Jahr wird auch free year genannt. Die Stammesältesten wissen, dass ihnen dieses Jahr nichts passieren wird, und zwingen schon Mädchen mit acht Jahren zur Beschneidung. 2015 ist ein großes Wahljahr. Im Herbst bekommen wir einen neuen Präsidenten, im ganzen Jahr finden Wahlen auf Provinz- und Bezirksebene statt. Wer für einen Sitz im Parlament kandidiert, wird sich auf keinen Fall gegen die Ältesten stellen.

Was können wir tun? Bildung ist ein Schlüssel, damit Mädchen und Jungen ihre Rechte kennenlernen. Sie sollen ihr Wissen an Gleichaltrige weitergeben. Wenn sie sich in den Dörfern zu Gruppen zusammenschließen, können sie sich gegenseitig helfen, anstatt auf Hilfe von der Regierung zu warten, die sowieso nicht kommt. Beschneidung ist zu einem großen Geschäft geworden, von dem die Ältesten profitieren und auch die Beschneiderinnen, die den Akt durchführen. Manche werden reich. Also müssen wir nach alternativen Einkommensmöglichkeiten suchen, damit Beschneidung nicht mehr die einzige Verdienstquelle ist.

Wenn ich ein Mädchen sehe, das zwangsweise beschnitten wurde und trotzdem nicht aufgibt und gegen diese Tradition ankämpft, dann ist das für mich wie ein kleiner Sieg. Immer mehr Eltern wehren sich. Sie schicken ihre Söhne ins Krankenhaus, damit sie von einem Arzt oder einer Krankenschwester beschnitten werden.

Viele unserer Mädchen kennen ihre Rechte und fordern sie ein. Sie erheben ihre Stimme, vor ihren Eltern, sogar vor den mächtigen Dorfältesten. Wenn ich diese Mädchen sehe, bin ich überzeugt, dass solche Traditionen irgendwann Geschichte sein werden. Wichtig ist, dass sich die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft abspielen, sie kommen nicht von außen. Die Menschen sind mutig und furchtlos. Sie informieren uns über die Pläne ihrer Ältesten. Bei den Kurya darf niemand wissen, wann es die Beschneidungen gibt, wer sie ausführt, welche Opfer ausgewählt werden. Nun werden diese Geheimnisse bekannt und verlieren so ihre Macht über die Menschen.

So hoffe ich, dass es in fünf Jahren unser Zentrum noch geben wird. Nicht zum Schutz vor der Beschneidung, sondern als Schule.

Regina Andrea Mukama, 64, genannt "Mama Regina" arbeitet für die katholische Diözese Musoma in Tansania. Übersetzung: Christian Selbherr.