Gastkommentar Wo Europa liegt

Der alte Kontinent hat das Potenzial zu einer Großmacht in der neuen, multipolaren Welt. Dazu müssen sich die Europäer aber erst einmal ihrer eigenen Geschichte und dem Besonderen ihrer Kultur bewusst werden und diese verstehen.

Von Werner Weidenfeld

Wo liegt Europa? Was macht seine Identität aus? Und wo hört Europa auf? Solche Fragen stoßen meist auf Ratlosigkeit und konsternierte Leere. Aber das geht auf die Dauer nicht gut. Der Kontinent ist eine Baustelle, und die bedarf einer Ordnung. Deshalb ist es wichtig, Europa mit seinen diversen Schichten der Identität zu verstehen.

Europa war von Anfang an nicht einfach nur ein geografisches Gebilde, sondern eine Kombination aus territorialer Expansion und kulturellen Werten, aus Wahrnehmungen und Normen. Seine Bedeutung wurde vor mehr als 2500 Jahren im antiken Griechenland mit seinen Mythen geprägt. Europa war die schöne Braut des mächtigen Gottes Zeus. Wenn griechische Denker von Europa sprachen, dann dachten sie an ihre eigene Zivilisation, ihr von barbarischen, nicht kultivierten Völkern eingeschlossenes Land. Griechische Kultur wurde als das Herzstück der Idee von Europa verstanden. In dieser Zivilisation voll philosophischen Geistes begründeten die Griechen den Gedanken der Verantwortung für öffentliche Angelegenheiten. Jeder freie Bürger sollte freiwillig zur öffentlichen Ordnung der Polis beitragen. Dies war die erste Grundlage europäischen Denkens. Danach entfaltete das mächtige Römische Reich seine Prägekraft: effektive Bürokratie, die Idee einer Rechtsordnung. Europa erbte von dort die Rechtsstaatlichkeit.

Mit jeder neuen Entdeckung und Eroberung erweiterten sich Europas Grenzen über die kleine griechische Halbinsel mit ihrer fortgeschrittenen Kultur hinaus nach Norden, Süden und Westen. Dabei haben Europäer immer die politischen Grenzen des Kontinents hinterfragt. Bis heute ist Europa mit dem Problem einer unbestimmten Grenze nach Osten konfrontiert. Auch die religiösen Fundamente veränderten sich dramatisch. Über Jahrhunderte konnte Europa dort gefunden werden, wo Gottesdienste in lateinischer Sprache gefeiert wurden. Später wurde die Aufklärung zum Schlüsselerlebnis für Europa. Die Kräfte der Aufklärung trennten Kirche und Staat. Der säkulare Staat wurde zum Standard der politischen Ordnung. Dann erscheinen Musik, Malerei, Dichtung als vitale Identitätsstifter. Mozart und Beethoven, Schubert und Bach vermitteln Europa ebenso wie Picasso, Rubens und Richter, Goethe und Schiller. Im täglichen Kunsterlebnis wird Europa evident.

Keine dieser Entwicklungen ist vollständig aus dem europäischen Selbstverständnis verschwunden: die Kombination aus territorialer Expansion und kulturellen Werten, die Frage der Grenzen, das Erbe der Religion in einer säkularen Welt, Migration und Minderheitenkonflikte sowie eine Geschichte von Kriegen auch zwischen säkularen Nationalstaaten.

Jeder, der aus Europa nach China, Indien oder in die Vereinigten Staaten reist, erfährt sofort, dass er von einem besonderen Kontinent kommt. Bei aller Globalisierung ist das kulturell spezifische Profil sofort wieder greifbar: von der öffentlichen Verantwortung für die Polis, die rechtsstaatliche Bürokratie, die religiös grundierte Mitmenschlichkeit, die Aufklärung, der säkulare Staat mit seiner demokratischen Legitimation. Und genauso schnell spürt man, was sich aus diesen großen Erbstücken für die Zukunft ergibt: Die demokratische Legitimation bedarf der Aktualisierung, mehr Transparenz und klarere Führungsstrukturen sind nötig, es bedarf lebhafterer demokratischer Debatten über Alternativen in der europäischen Politik und die Bereitschaft, die neue Weltpolitik mitzugestalten.

Nur der Politiker wird auf Dauer Erfolg haben, der die Kunst der Deutung beherrscht

Die einst bipolare Welt ist multipolar geworden - USA, China, Indien, Brasilien, Russland und die Europäische Union. Und bei den großen Konflikten, von Nahost bis Korea, muss die Weltmacht Europa aktiv an der Entschärfung mitwirken. Interessant ist dabei, dass bei jeder großen Herausforderung, bei jeder ernsten Krise - zum Beispiel beim Brexit - die Zustimmung zu Europa wächst. Also: Je stärker Europa gefährdet zu sein scheint, desto stärker das Ja zu Europa.

Die Alternativen zu einem solchen Konzept lassen sich in Ansätzen gegenwärtig ebenfalls beobachten. In fast jedem Mitgliedstaat gibt es Fluchtbewegungen aus der Komplexität der Welt in die einfachen Formeln der Populisten. Das zu lösende Kernproblem liegt in der Diskrepanz zwischen internationalisierter Problemstruktur, europäischer Entscheidungsstruktur und nationaler Legitimationsstruktur. Die Unverständlichkeit und scheinbare Unerklärbarkeit prägt dann das Zeitalter der Konfusion. Die praktische Konsequenz: Europas historisch verankerte Orientierungen gilt es zu erklären und zu vermitteln.

Neue Vitalität wird Europa nicht aus bürokratischen Mammutverträgen erwachsen. Europa kann heute als Antwort auf die Globalisierung ein neues Ethos entfalten. Einen Aufbruch aus der zweiten Euro-Sklerose kann nur vermitteln, wer die große Kunst der Deutung beherrscht. Europa hat das Potenzial zur Weltmacht. Allerdings muss dieses Potenzial angemessen organisiert und mit dem Geist europäischer Identität erfüllt werden.

Identität entsteht durch gemeinsame Erfahrungen. Europa muss sich als Strategie-Gemeinschaft begreifen. Das reicht von der Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit über die Organisation der Migration bis hin zur politischen Gestaltung der Währungsunion. So bekommt Europa ein Gesicht. Und die Ausgangsfrage, was denn europäisch sei, beantwortet sich gleichsam wie von selbst in der Anschaulichkeit des strategischen Profils. Genauso einfach haben wir die Antwort auf die Frage, wo Europa liegt, jenseits aller Grenzverschiebungen: Europa liegt dort, wo die Menschen sich als Europäer begreifen. Wie Immanuel Kant wusste: Alles ist Wahrnehmung.

Werner Weidenfeld, 70, ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).