Gastkommentar Rudis Nachruf

Warum die Menschen im Ruhrgebiet unseren Respekt verdienen - und unsere Hilfe.

Von Silke Niemeyer

Eine Sozialbeerdigung mal wieder. "Martina" ist nicht alt geworden. Zum Arzt wollte sie nie. "Rudi" hat sie hingebungsvoll gepflegt, hat ihre eitrigen Füße verbunden. "Mama ist die Beste" hängt überm Sofa, wo ihr Platz war. Geschenk von den Kindern? Nein, im Angebot bei Real. "Ich würd'se jedes Mal wieder nehmen", schluchzt Rudi, "sagen Sie das!" Es gibt viel über Martina zu sagen, über unerfüllte Wünsche, vergebliche Mühe. Am Beerdigungstag hat das Bestattungsinstitut nur vier Träger geschickt. Sparversion. Am Grab passiert es dann: Statt würdig in die Grube zu gleiten, rutscht der Sarg ab, rauscht kopfüber hinein. Ein Aufschrei. Dazwischen Rudi laut und deutlich: "Jetzt leck mich doch am Arsch!" Man beruhigt sich schnell, spricht stoisch das Vaterunser, wirft sein Blümchen.

Es ist eine drastische Geschichte, aber Wirklichkeit im Kohlenpott, dem längst die Kohle ausgegangen ist.

Geradlinig ist er, der "Ruhri", und stolz. Dieses Lob ist so was wie das Ausgleichsgrün an den vielen Autobahnkreuzen, Trost dafür, dass man sich gern über ihn lustig macht. Mehr sollte man die Menschen im Revier dafür loben, wie bescheiden und geduldig, wie wenig auftrumpfend oder wehleidig sie sind. Jeder fünfte Mensch im Ruhrgebiet ist arm, fast jeder sechste überschuldet. Man lebt ein Leben, das nicht schön ist, aber unglaublich anstrengend, bemüht um Würde, bemüht, in engen Wohnungen an lauten Straßen das Beste für die Kinder herauszuholen. So laut und deutlich wie Rudi müssten sie dort nach Entschuldung der Städte und Grundeinkommen für Kinder schreien. Aber man macht ja keinen Rabatz.

Wer das hier für eine Liebeserklärung hält, hat verstanden!

Pfarrerin Silke Niemeyer hat von 1993 bis 2015 im Ruhrgebiet gearbeitet.