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Gastkommentar:Religion im Plural

Deutschland wird muslimischer. Eine indifferente Toleranz führt dabei nicht weiter. Glauben heißt, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und die Überzeugungen anderer zu respektieren.

Beim gegenwärtigen Flüchtlingszustrom nach Deutschland spielen die Kirchen und ihre Gemeinden eine wichtige Rolle. Sie laden ankommende Flüchtlinge ein, organisieren Deutschkurse, sammeln Nahrungsmittel, Kleidung und Spielzeug, beteiligen sich an der politischen Debatte über gute Wege der Integration. Die deutsche Gesellschaft insgesamt reagiert mutig und hilfsbereit auf die Krise. Das macht Hoffnung, dass das Land der "Religion im Plural" gewachsen ist. Denn viele der Flüchtlinge werden bleiben, neue Konflikte werden entstehen.

Schon jetzt zeigt sich, dass die unterschiedliche Herkunft der Schutzsuchenden Spannungen erzeugt. Traumatische Erfahrungen auf den Irrwegen der Flucht schlagen in Aggression um. Auch religiöse Unterschiede bergen Konfliktstoff. Muslime, Christen, Jesiden und andere religiöse Gruppen suchen Asyl. Wie oft Streitigkeiten zwischen Flüchtlingen einen religiösen Hintergrund haben, lässt sich schwer ermitteln. Aber die Befürchtung besteht, dass - beispielsweise bei syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen - christliche Minderheiten von muslimischen Mehrheiten bedrängt werden.

Die Trennung verschiedener religiöser Gruppen ist keine überzeugende Reaktion. Mit Konfliktsensibilität hat das nichts zu tun, der Konflikt wird auf diese Weise eher zementiert. Einige elementare Einsichten zum Umgang mit solchen Spannungen sind bekannt, doch sie sind umso schwerer umzusetzen, je mehr Menschen Zuflucht suchen. Die Gewalt unter Flüchtlingen wird vor allem durch Enge verursacht. Sie wird verschärft, wenn der Alltag keine Struktur hat, weil es an Arbeit und sinnvollen Freizeitbeschäftigungen fehlt. Fehlgeleitete Religion unterstützt die Konflikte, weil sie Überlegenheitsansprüche über "Ungläubige" begründet. Auch Gewaltstrukturen in Familien werden bisweilen religiös motiviert.

In allen Religionen muss sich die Einsicht durchsetzen, dass der Glaube an Gott und die Achtung vor dem Mitmenschen zusammengehören. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich religiöse Pluralität gestalten. Religion zur Privatsache zu erklären und sich dadurch das Problem vom Hals zu schaffen, reicht dagegen als Antwort nicht aus. Religion ist persönlich, aber sie ist auch öffentlich. Deshalb führt eine gleichgültige, indifferente Toleranz nicht weit. Wichtig sind vielmehr Menschen, die zu ihren eigenen Überzeugungen stehen und deshalb auch die Überzeugungen anderer respektieren. Religionskonflikte werden erst überwunden, wenn Religion nicht mehr zur Herabwürdigung anderer und zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht wird.

Wer einen Islam will, der zu Deutschland gehört, kann nicht alle Haltungen hinnehmen, für die der Islam in Anspruch genommen wird. Er muss mit Muslimen über das Verständnis der Freiheit und die Voraussetzungen der Freiheit sprechen. Weder das Faustrecht noch eine rechtliche Subkultur, die sich an der Scharia orientiert, verträgt sich mit dem Ziel der Integration. Die Rücksicht auf kulturelle Prägungen - zum Beispiel im Verhältnis von Männern und Frauen - darf nicht zu einer Erosion des geltenden Rechts führen.

Es muss verhindert werden, dass die "Generation Allah" Zulauf von Flüchtlingen bekommt

Zur Gestaltung religiöser Pluralität wird gefordert, den islamischen MoscheeGemeinden müsse die gleiche Rechtsstellung wie den Kirchen zuerkannt werden; dazu müsse sich das bestehende Staatskirchenrecht zu einem Religionsverfassungsrecht weiterentwickeln. Doch schon die jetzt geltenden Verfassungsbestimmungen beziehen sich nicht nur auf die Kirchen, sondern auf alle "Religionsgesellschaften". Sie brauchen allerdings Regeln über die Mitgliedschaft sowie über die Bestimmung ihrer Repräsentanten. Wir brauchen kein neues Religionsverfassungsrecht, sondern die Bereitschaft, es anzuwenden.

Die Rechte, die es bereitstellt, schließen Pflichten ein. Wer von einer freiheitlichen Ordnung Gebrauch machen will, muss sie bejahen. Die meisten Muslime, die in Deutschland leben, akzeptieren die demokratische Grundordnung unseres Landes. Von ihnen ist zu erwarten, dass sie in ihrem Bereich entschlossen gegen religiösen Fundamentalismus vorgehen und sich für eine Erziehung einsetzen, die die Anerkennung der Grundrechte und die Absage an religiös legitimierte Gewalt einschließt. Dabei geht es nicht nur um Anhänger und Unterstützer von al-Qaida oder dem IS, auch nicht nur um die steigende Zahl von Salafisten. Vielmehr muss man auch diejenigen in den Blick nehmen, die als Angehörige der "Generation Allah" bezeichnet werden, junge Leute, die fundamentalistische Glaubensüberzeugungen mit der Ablehnung Andersdenkender verbinden. Demokratiefeindliche Einstellungen breiten sich auch unterhalb der Ebene der Gewaltbefürwortung aus; die "Generation Allah" ist der "Pool, aus dem die Islamisten fischen" (Ahmad Mansour).

Eine vordringliche Aufgabe besteht darin, dass dieser Pool nicht aus Flüchtlingsgruppen neuen Zuzug erhält. Das kann nicht nur durch staatliche Gesetze verhindert werden, so wichtig gute Gesetze sind. Es kommt vor allem auf eine Zivilgesellschaft an, die sich solchen Aufgaben stellt. Sie muss allerdings religiös alphabetisiert sein, wenn sie den Religionskonflikten unserer Zeit gewachsen sein soll.

Religion im Plural verlangt eine gesellschaftliche Praxis, die von Respekt für die gleiche Würde der Verschiedenen geprägt ist, diesen Respekt aber auch einfordert. Religionspolitische Auseinandersetzungen - über die Verwendung des Kopftuchs in staatlichen Funktionen, das Tragen der Burka im öffentlichen Raum, die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen - sollten vorrangig gesellschaftlich ausgetragen und nicht nur den Gerichten oder dem Gesetzgeber überlassen werden. Das setzt allerdings Gesprächsteilnehmer voraus, die ihre eigene religiöse Tradition kennen und zu ihren eigenen Überzeugungen stehen.

Prof. Wolfgang Huber, 73, war bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

© SZ vom 24.10.2015

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