Gastkommentar Gläubiger Wolpertinger

Wenn Iraner sich taufen lassen, unterzieht sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einer intensiven Überprüfung ihrer Glaubensüberzeugung. Die Begründung dafür lässt einem am Glauben an die Behörden zweifeln.

Von Silke Niemeyer

Keiner muss den Kakao, durch den er gezogen wird, auch noch trinken, auch der Staat nicht. Wenn er vermutet, jemand spiegele falsche Tatsachen oder Motive vor, um Asyl zu bekommen, darf er ihm auf den Zahn fühlen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterzieht getaufte Iraner einer intensiven Motivforschung. Taufurkunde, pfarramtliche Bescheinigung über den Gottesdienstbesuch, Glaubensbekenntnis, Vaterunser: Reicht alles nicht.

Die Kirchen verlangen von Geflüchteten ein viel höheres Maß an Engagement als sonst bei Taufwünschen. Aber sie haben keinen Glaubensdetektor, der die Herzensüberzeugung prüft. Auf diese jedoch komme es an, sagt der Staat. Er will dem Glauben nicht nur auf den Zahn, sondern auch bis in die Wurzel fühlen. Man fragt sich, was ein Anhörer sich unter einem ernsthaft Gläubigen vorstellt. Einen spirituellen Wolpertinger: ein Ensemble aus dem Bild-Christen Daniel Böcking, dem heiligen Franziskus und Mutter Teresa?

Heuchelei ist fies, aber kein Verbrechen, und allgemein nicht völlig unüblich bei Taufversprechen. Und solange auch konvertierte und getaufte Heuchler in Iran bedroht sind, dürfen sie nicht abgeschoben werden. Auch bei heimlichen Gründen ist deren Taufe ja nicht geheim. Die Neuchristen haben Fotos davon in sozialen Medien gepostet. Aber da sind die Behörden gelassen. In Iran wisse man, dass die Taufe vorgespielt sei, eine schiitische erlaubte Lüge. Da lasse die Religionspolizei fünfe gerade sein. Deshalb seien nur von ehrlicher Überzeugung beseelte Konvertiten schutzwürdig. Sie würden ja in Iran weiter in den Gottesdienst gehen und sich so tödlicher Bedrohung aussetzen. Man liest das und glaubt, im Kakao zu waten.

Silke Niemeyer, 54, ist evangelische Pfarrerin.