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Gastkommentar:Der blinde Fleck

Die Kirche sollte den Missbrauch nicht in eigener Regie aufarbeiten.

In Deutschland ist gerade die Missbrauchsstudie, die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben wurde, an die Presse durchgestochen worden. Ein Vertrauensbruch und auch eine Demütigung für die Kirche. Gleichzeitig hat sich der Papst entschieden, im Frühjahr eine Bischofskonferenz zum Thema Missbrauch einzuberufen. Rufe waren laut geworden, die anstehende Jugendsynode in Rom abzusagen und stattdessen schon im Herbst über Missbrauch zu sprechen.

Auch in den Wochen davor wurden mehrere kirchliche Projekte und Planungen durchkreuzt: Der Besuch des Papstes in Irland fiel mit der Veröffentlichung der Missbrauchsberichte in Pennsylvania und Australien zusammen. Eigentlich sollte das Thema in Irland "Familie" heißen. Es kam anders. Und dann meldet sich noch ein Nuntius namens Viganò, um dem Papst und anderen hohen Hierarchen im Fall des US-Bischofs McCarrick Vertuschung vorzuwerfen. Der Papst schweigt zu den Vorwürfen. Damit setzt er aber, ohne es zu wollen, jeden Tag neu das Thema Missbrauch auf die Tagesordnung. Im Schatten des Skandals verschwindet, wofür Franziskus steht: Laudato Si, Kirche der Armen, Flüchtlinge, Ökumene, Öffnung der Kirche. Was für ein Schaden für diese großen Anliegen!

Die Kirche kann ihre Themen nicht mehr selbst setzen. Sie werden ihr gesetzt; Themen, die sie nicht gesetzt haben will. Da helfen alle klugen Ratschläge von Medienberatern und Kommunikationsagenturen nicht weiter. Am Ende geht es doch daneben. Die Wirklichkeit ist stärker als die Strategien und Planungen. Es kommt ein zweiter Faktor hinzu: Die innere Solidarität bröckelt bis in die höchsten Kreise der Kirchenhierarchie hinein. Der Deckel auf dem brodelnden Kochtopf lässt sich nicht mehr verlässlich zuhalten; Hauen und Stechen wird sichtbar. 2010 war das noch anders. Kardinal Sodano nahm Papst Benedikt in Schutz vor dem Vorwurf, er habe als Kardinal von München Missbrauch vertuscht. Als der Wiener Kardinal Schönborn dem widersprach, wurde er mit Zustimmung von Papst Benedikt gerügt. Der gesamte Weltepiskopat schwieg dazu. Die Mauer des Schweigens ist auch immer eine Mauer des Vertuschens.

Papst Franziskus hat selbst dazu beigetragen, dass die Dinge sichtbar werden. Er hat Prozesse eröffnet, Vielfalt zugelassen und neue Themen gesetzt. Er muss nun zulassen, dass sich unter seinem Pontifikat die Erkenntnis durchsetzt, dass das Heil der Kirche nicht an einer Lichtgestalt an der Spitze hängt. Die gibt es nämlich nicht. Sein Vorgänger hat durch seinen Rücktritt dazu Vorarbeit geleistet. Die Päpste selbst führen durch die Anerkennung ihres Scheiterns die Kirche aus den Überhöhungen des 19. Jahrhunderts heraus. Das katholische Christentum ist eben keine Papstreligion.

Die Kirche kann ihre Glaubwürdigkeit nicht in eigener Regie wiedergewinnen. Ihr bleibt zurzeit nicht viel anderes übrig, als die eigene Ohnmacht einzugestehen und das strukturell bedingte Unvermögen zu begreifen: Eine Aufarbeitung von Missbrauch, die in der Regie der Institution steht, die Gegenstand der Aufarbeitung ist, wird nicht aus der Glaubwürdigkeitsfalle herauskommen - trotz allen guten Willens der Beteiligten. Jetzt scheint eine Grenze erreicht zu sein, an der es nicht mehr weitergeht ohne Arbeit an den eigenen Strukturen.

Es gibt eine Verantwortung der Kirche dafür, Strukturen zu schaffen, die es möglich machen, dass Aufarbeitung auch als glaubwürdig anerkannt werden kann - bei den Betroffenen, den eigenen Leuten und in der Öffentlichkeit. In Australien, Pennsylvania und Irland konnte dies gelingen, weil die Untersuchungskommissionen unabhängig waren und aus eigener Vollmacht heraus an die Kirche herantraten. Eine Alternative dazu wäre die Einrichtung einer innerkirchlichen Gewaltenteilung, einer "Gewalt" also, die aus eigener Vollmacht heraus Untersuchungen in Gang setzen, Akteneinsicht verlangen und die Verantwortung für die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse übernehmen kann.

Nur eine glaubwürdige Kirche wird auch wieder Themen setzen können.

Der Jesuitenpater Klaus Mertes machte 2010 die Missbrauchsfälle im Berliner Canisius-Kolleg öffentlich.