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Gastbeitrag:Ideologische Rudel

München, Halle, Hanau: In virtuellen Subkulturen werden aus frustrierten und isolierten Menschen Einsame-Wolf-Terroristen.

Von Florian Hartleb

Von den Worten zu den Waffen. Diese gebräuchliche Wendung für die Entstehung von Radikalisierung, die bis hin zu Terrorismus führt, klingt heute antiquiert. Angesichts der Ereignisse in Halle und in Hanau müsste man formulieren: von virtuellen Hassformen zum Livestream-Attentat. Rechtsextremistische einsame Wölfe, also Menschen, die alleine losschlugen, aber Teile von ideologischen Rudeln waren und an rassistische Verschwörungstheorien glauben: Im sozialen Leben waren sie frustriert und isoliert. In virtuellen Räumen suchten sie Gleichgesinnte und Projektionsflächen für eigene Kränkungen.

Nicht nur ethnische Minderheiten sind davon betroffen. Auffällig ist etwa der massive Frauenhass. Offenbar hat hier die Incel-Bewegung Einfluss auf das Weltbild der Täter: Diese kommt aus den Vereinigten Staaten und findet in den virtuellen Welten, etwa auf den Plattformen "4chan" und "8chan", Verbreitung. "Incels" betrachten sich oft als Männer zweiter Klasse, die sich von Frauen zurückgewiesen fühlen und Rache üben wollen.

Alle diese Täter, immer Männer, schnitzen sich die Ideologie sui generis, die in den Manifesten und Videos solcher Tätertypen deutlich wird. Psychische Störungen sind offensichtlich, ebenso aber auch der große Anteil an virtueller Radikalisierung bei Menschen, die ihr Leben fast ausschließlich vor dem Computer verbringen. Für eine akribische Vorbereitung solcher Schreckenstaten spricht, dass sich die Täter als Public-Relations-Strategen in eigener Sache sehen und bei ihren Terrortaten eine Publizität schaffen wollen, die sie für angemessen halten. Der Täter von Hanau etwa hat nicht nur ein Manifest vorgelegt, das sich an das deutsche Volk richtet, sondern auch noch ein Youtube- Video auf Englisch publiziert, das sich an die Amerikaner richtet. Hier wird ein großes Maß an Narzissmus deutlich.

Das 21. Jahrhundert ist zwar schon jetzt das Jahrhundert des Individualterrorismus. Es braucht eben keine Terrororganisation mehr. Ein Computer mit Internetzugang reicht zur Radikalisierung aus. Seit dem 22. Juli 2011 ist dieser Tätertypus der Weltöffentlichkeit bekannt - nach jahrelanger Planung ermordete der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik 77 Menschen. Zynisch gesagt, war er ein Prototyp, der in den virtuellen Welten, etwa auch auf einer öffentlichen Enzyklopädie, verehrt wird. Am Tag genau fünf Jahre später, am Tag genau und nicht zufällig gewählt, versetzte der 18 Jahre alte Deutsch-Iraner David S. die Stadt München in einen Ausnahmezustand. Wie nun der Täter von Hanau zielte er auf Menschen mit Migrationshintergrund. Die Opferauswahl ist ein wichtiges Kriterium für Rechtsterrorismus. Bayerns Behörden brauchten dennoch mehr als drei Jahre, um hier das Offensichtliche, nämlich eine politische Tat zu erkennen. Innenminister Joachim Herrmann sagte etwa, der Täter könne kein Extremist sein, da er keiner Partei oder Organisation angehörte - ein Organisationsverständnis aus dem vergangenen Jahrhundert.

Die Sicherheitsbehörden sind sich zwar mittlerweile dieser Gefahr bewusst, wie Fachtagungen und Verlautbarungen zumindest verbal deutlich machen. Es gibt neue Analysetools, etwa das Risikobewertungssystem Radar-rechts, das es bereits im Bereich des islamistischen Terrors gibt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz arbeitet inzwischen testweise mit künstlicher Intelligenz, um im Internet mithilfe bestimmter Schlüsselworte potenzielle Täter aufzuspüren.

Trotzdem gibt es noch eine Menge Baustellen in den Behörden. Vor allem IT-Fachleute und Datenauswerter werden händeringend gesucht. Und: Wir müssen hier weg von der Beamtenkultur und brauchen junge Leute, die sich auf rechtsradikalen Plattformen wie "4chan" oder "8chan" bewegen und den dort verwendete Szene-Sprech entschlüsseln können. David S. war etwa auf der Spieleplattform "Steam" mit Gleichgesinnten vernetzt.

Helfen wird Prävention also nur bedingt, da die einsamen Wölfe unbeschriebene Blätter für die Sicherheitsbehörden sind. Bedingt hilft auch, die AfD direkt für die Taten verantwortlich zu machen. Zu viele andere Einflussfaktoren spielen eine Rolle. Beim Täter von Hanau sind das neben Vernichtungsfantasien Verschwörungstheorien eigener Art, die etwa auch an die sogenannten Reichsbürger erinnern lassen. Das Phänomen des einsamen Wolfs ist komplexer, als es in der politischen Debatte diskutiert wird. Vor allem geht es auch über nationale Grenzen hinaus.

Florian Hartleb ist Politikwissenschaftler und unterrichtet an der Fachhochschule der Polizei Sachsen-Anhalt. Er war Gutachter der Stadt München im Fall des Attentats vom 22. Juli 2016.

© SZ vom 07.03.2020
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