Gastbeitrag Hilfe, mir fehlt das Panik-Gen!

Der Weltuntergang droht, und ich bleibe cool. Da stimmt doch etwas nicht. Dagegen hilft nur eine radikale Aktion.

Von Bruno Jonas

Er ist nicht mehr aufzuhalten, der Weltuntergang. Ein Jakob aus Kiel, der kurz vor der Reifeprüfung steht, rechtfertigt in der Süddeutschen Zeitung sein freitägliches Schulschwänzen mit der Erkenntnis, er sehe keinen Sinn darin, für die Zukunft zu lernen, wenn er sowieso keine Zukunft mehr habe. Das ist logisch und zeugt von Intelligenz. Doch was mich an dem adoleszenten Intellektuellen wirklich fasziniert, ist sein Talent zur Panik, zur Angst vor dem Weltuntergang. Immer mehr junge Menschen wollen die bevorstehende Apokalypse verhindern. Das ist bewundernswert. Nur bei mir will sich ums Verrecken keine angemessene Weltuntergangsstimmung einstellen. Ich kriege einfach keine Panik hin.

Da stimmt doch etwas nicht. Ob da ein Kurs hilft - "Betreutes Untergehen für Senioren"? Als 1986 in Tschernobyl die Kernschmelze eintrat, funktionierte das Alarmzentrum noch hervorragend. Damals war ich noch in der Lage, säckeweise Trockenmilchpulver in die Wohnung zu schleppen. Aber irgendetwas ist seitdem passiert: Ich reagiere mit erschreckender Gelassenheit auf apokalyptische Prophetien. Was auch immer ich an Untergangsrhetorik über mich ergehen lasse, sei es von Katrin Göring-Eckardt oder Katharina Schulze, Panik will einfach nicht aufkommen. Das grandiose Toni-Hofreiter-Interview zu "Fridays for Future" im Deutschlandradio habe ich mir in meiner Not sogar zweimal reingezogen, weil ich beim ersten Anhören derart darüber erschrak, dass mich ein unkontrollierbarer Lachanfall überkam. Selbst die Horrormeldung, es gebe 6000 Umwelttote jährlich, löst die reflexhafte Frage aus, wer da mit wie vielen Unbekannten gerechnet hat. Offensichtlich fehlt mir das grüne Panik-Gen.

Ich bleibe so eigentümlich cool. Dabei wäre es doch wirklich cool, wenn ich das freitägliche Schulschwänzen gutheißen könnte. So wie es die Kanzlerin getan hat, aber die konnte nicht anders. Und ich kann es nicht. Deshalb bin ich jetzt ein alter weißer Mann und extrem uncool. Als ich in meiner Hilflosigkeit Christian Lindner als Beistand anrief, der den Thunberg-Truppen mitgeteilt hatte, Klimaschutz sei "etwas für Profis", wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass es sich bei ihm ebenfalls um einen zwar noch relativ jungen alten, aber extrem weißen Mann handle, der aus der sicheren Distanz des unvollständigen Wissens argumentiere.

Ich will meine Coolness wieder zurückhaben! Greta Thunberg nachzueifern, ist sicher nicht falsch. Ich hoffe aber, auch ohne sie meinen Beitrag zum Klima leisten zu können. Meinen Möglichkeiten entsprechend müsste ich einen vergleichbar hohen Grad an Verweigerung gewährleisten, wie ihn die Schüler durch ihren Verzicht auf Bildung sicherstellen. Wie wäre es damit: Freitags verweigere ich die Aufführung meines Kabaretts, um damit dem Klimaschutz eine Stimme zu geben. Friday Evenings for Future! Den Eintritt gibt es nicht zurück; mit dem Geld finanzieren wir am Samstagvormittag den ausgefallenen Freitagsunterricht.

Das wird Wellen schlagen. Die Süddeutsche Zeitung wird eine leere Freitagsausgabe publizieren. Mit mahnenden Blicken präsentieren Marietta Slomka und Klaus Kleber die freitäglichen Nachrichten ohne Ton. Chirurgen verweigern die Operationen und Richter die Urteile. Selbst Toni Hofreiter und Katharina Schulze von den Grünen schweigen am Freitag, um dem Klima eine Stimme zu geben. Das wäre cool!

Bruno Jonas, 66, ist Kabarettist