EU-Minister Wauquiez:"Die kanzlerin hat mutig gehandelt."

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SZ: Um Europa zu verteidigen, müssen Deutschland und Frankreich kooperieren. Zeitweise gab es 2010 viel Streit zwischen beiden Ländern, etwa über die Rettung gefährdeter Euro-Staaten.

Wauquiez: Mich hat die Politik der Bundesregierung zutiefst überzeugt. Die Situation war nicht einfach für Angela Merkel. Deutschland ist ein solides Land mit einer seriösen Wirtschaftspolitik und zurückhaltenden Lohnabschlüssen. Dieses Deutschland wurde gebeten, anderen Staaten der EU mit Geldproblemen zu helfen. Die Kanzlerin hat daraufhin mutig gehandelt und große europäische Überzeugungen bewiesen, ohne die nationalen Interessen zu vergessen. Und Deutschland hat intensiv und ernsthaft darüber diskutiert. Das hat mich beeindruckt.

SZ: So klang das nicht immer aus Paris. Vergangenes Frühjahr wurde Berlin noch Zaudern und mangelnde Solidarität vorgeworfen.

Wauquiez: Die Krise hat unsere Beziehung vertieft. Sie war zu groß, um uns noch Zwietracht zu erlauben. Daher haben wir die Reihen geschlossen.

SZ: Führen Berlin und Paris demnach eine Schlechtwetterbeziehung?

Wauquiez: Die Zeit der Romantik und großen Symbole ist vorbei. Unsere Beziehung ist viel reifer geworden. Deutschland und Frankreich haben nicht immer dieselben Interessen. Aber wir sind stets in der Lage, Kompromisse zu finden. Das ist etwas ganz Besonderes, was es in dieser Form mit anderen Staaten nicht gibt. Mit Deutschland sind die Verhandlungen immer schwierig. Doch das Ergebnis ist stets ein Erfolg. Das hat die Euro-Krise erneut bewiesen.

SZ: Was sagen Sie Deutschen und Franzosen, die die D-Mark und den Franc wieder einführen möchten?

Wauquiez: 80Prozent der deutschen Exporte gehen nach Europa. Wenn die alten Währungen wieder eingeführt würden, wäre das fatal für den deutschen Export. Dann geht der deutsche Wirtschaftsmotor kaputt. Und wenn Frankreich zum Franc zurückkehrt, dann mindert das unsere Kaufkraft. Dann werden etwa unsere Ölimporte teurer. Deutschland und Frankreich brauchen, manchmal aus verschiedenen Gründen, einen harten Euro.

SZ: Ihre Regierung hat sich der strengen deutschen Sparpolitik angeschlossen. Akzeptieren das die Franzosen?

Wauquiez: Die Franzosen beobachten genau, was in der Welt passiert. Was Griechenland und Irland zugestoßen ist, hat uns alle beschäftigt. Die öffentliche Meinung in Frankreich ist reifer geworden. Die Bürger haben genug von Politikern, die unfinanzierbare Versprechen machen. Wir sind uns heute einig: Es darf kein überschuldetes Europa geben.

SZ: Was wird Europa im kommenden Jahrzehnt erleben? Eine Renaissance der Nationalstaaten oder die Vereinigten Staaten von Europa?

Wauquiez: Die Lage ist paradox. Nie war Europa so wichtig. Denken Sie an die Konkurrenz mit China oder den USA, an die Umweltprobleme oder die Finanzspekulation. Wir brauchen Europa. Dennoch zweifeln die Bürger am Sinn der EU.

SZ: Wie lässt sich das ändern?

Wauquiez: Wir brauchen mehr Europa. Doch die EU muss dabei ihren Bürgern näherkommen. Europa muss uns verteidigen. Die EU war bislang zu technokratisch und naiv wirtschaftsliberal. Sie muss eine offensivere Handelspolitik führen - wir öffnen unsere Türen nur, wenn die anderen das auch tun. Die EU-Staaten sollten ihre Grenzen gemeinsam gegen illegale Einwanderung und Drogenschmuggel verteidigen. Die EU muss ihre Bürokratie abbauen und so den mittelständischen Unternehmen helfen. Außerdem brauchen wir eine gemeinsame Industrie-, Luft- und Raumfahrtpolitik und eine gemeinsame militärische Verteidigung. Ein solches Europa kann den Nationalismen entgehen und die Bürger überzeugen.

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