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Frankreich:Wie ein politischer Nachbarschaftsverein

Auf der Sommeruniversität von La République en Marche (LREM) in Bordeaux spricht auch Ex-Republikaner und Premier Édouard Philippe.

(Foto: Georges Gobet/AFP)

Die junge Partei "La République en Marche" von Präsident Emmanuel Macron möchte sich über aktive Bürger definieren - und expandieren.

Sie nennen sich immer noch "Marcheurs", Marschierer. So wie vor inzwischen bald drei Jahren, als sie anfingen, den Weg von Emmanuel Macron ins Präsidentenamt zu ebnen. Aus "En Marche" ist inzwischen La République en Marche (LREM) geworden. Eine Partei, die die stärkste Fraktion in Frankreichs Nationalversammlung stellt und die bei der Europawahl nur um einen Prozentpunkt daran scheiterte, die rechtsradikale Marine Le Pen zu schlagen. Einst Frischzellenkur der Politik, stehen die Marschierer heute vor zwei Fragen: Wie sichern sie ihre Macht? Und wie können sie gleichzeitig weiterhin den Eindruck vermitteln, dass sie für einen Neuanfang stehen?

Um Antworten zu finden, besann sich LREM auf ein altbewährtes Mittel: die politische Sommeruniversität. Es gehört in Frankreich zum Standardprogramm der Parteien, jeden August die Mitglieder zu sammeln, um Kontakt zwischen Basis und Führung herzustellen. Eine Übung in Selbstvergewisserung, bevor im September die Arbeit von Parlament und Regierung wieder losgeht. "Campus des Territoires" hat LREM ihr Zusammentreffen in Bordeaux am vergangenen Wochenende genannt. "Territoires", die politische korrekte Bezeichnung für alles außerhalb von Paris, was früher "Provinzen" genannt wurde, bezeichnet dabei die Zielrichtung des Experiments. In sechs Monaten sind in Frankreich Kommunalwahlen, und LREM ist bislang eine Partei mit ausgeprägter urbaner Schlagseite. Entstanden und verwurzelt in Paris.

"Progressismus, Innovation, Pragmatismus, Dialog, Europa", das sollen die Kernideen sein

"Heute beginnt der zweite Akt unserer Bewegung!", ruft Stanislas Guerini am Samstagmittag auf der Bühne des Messezentrums, und der Saal jubelt. Laut LREM sind 3000 Menschen zusammengekommen, um darüber zu diskutieren, wer sie sein wollen. Guerini, Parteivorsitzender von LREM, gibt den Ton vor: "Wir sind nicht hier, um eine gute Zeit zu haben, sondern um zu arbeiten." Véronique Vias sitzt in Reihe sieben und klatscht. Sie ist extra aus Meudon angereist, einem Vorort im Süden von Paris. Seit 2017 engagiert sie sich dort für Macron und dessen Politik. Im März wird sie bei den Kommunalwahlen für LREM kandidieren. Inhaltlich ist die 54-jährige Vias nach wie vor von Macron überzeugt: "Ich teile seine Überzeugung, dass wir in Europa enger zusammenarbeiten müssen, und mir gefällt sein Pragmatismus." Ihr gefällt es auch, dass LREM keiner Ideologie angehört, sich "weder links noch rechts" nennt, das bedeute für sie, "die Komplexität der Welt zu akzeptieren". Und doch ist Vias von LREM enttäuscht. "Als wir angefangen haben, waren wir einfach aktive Bürger. Inzwischen gibt es sehr klare Hierarchien, und ganz oben werden Dinge entschieden, die wir dann umsetzen sollen." Guerinis Satz, bei dem Vias "Bravo!" ruft, lautet: "Wir müssen die Mitglieder wieder ins Zentrum der Bewegung stellen."

Nur was oder wo ist das Zentrum einer Partei, in der frühere Sozialisten ebenso Karriere machen wie der Ex-Republikaner und jetzige Premierminister Édouard Philippe? Eine Partei, die sich zudem als ökologische Hoffnung gibt und dafür, so wie auch am Sonntag in Bordeaux, immer wieder den Grünen Daniel Cohn-Bendit auf ihre Podien holt. Die Antwort lautet an diesem Wochenende: Wir definieren uns über den aktiven Bürger. Manchmal wirkt LREM wie ein Politik gewordener Nachbarschaftsverein. Die inhaltlichen Kernideen werden im Sitzungssaal auf die riesige Leinwand geworfen: "Progressismus, Innovation, Pragmatismus, Dialog, Europa". Am Abend wird eine Diskussion zu der Frage angeboten, ob progressiv eigentlich dasselbe bedeutet wie pragmatisch.

Gerade wenn keine klare Ideologie den Zusammenhalt bringen soll, sondern der einzelne Bürger jeweils durch sein Engagement definieren soll, was die Bewegung ausmacht, ist entscheidend, wer diese Bürger nun eigentlich sind, aus denen sich LREM zusammensetzt. Einer derjenigen, die an diesem Wochenende in Bordeaux der Partei den Spiegel vorhält, ist der Politikwissenschaftler Gilles Finchelstein: "Sie sind das Frankreich, dem es gut geht und das weiß, dass es ihm gut geht." Als Vorsitzender der Stiftung Jean-Jaurès nimmt Finchelstein an einer Podiumsdiskussion teil, die sich mit den bevorstehenden Kommunalwahlen beschäftigt. Vor ihm sitzen Parteimitglieder und Abgeordnete und machen sich Notizen. Die Männer in Hemd und Sakko, die Frauen in Kleid und mit hohen Schuhen. Hier trifft sich das Frankreich aus gutem Hause, das nicht satt und konservativ genug ist, um sich bei den Republikanern zurückzulehnen. Wer LREM beitritt, hat Lust auf Erfolg.

Strategisch gesehen ist das Treffen in Bordeaux eine Fortsetzung dessen, was mit dem Grand débat in diesem Jahr begann. Damals, im Frühjahr, reagierte Macron nicht nur auf den Zorn der Gelbwesten. Er reiste durchs Land, um Bürgermeister für sich zu gewinnen. LREM will expandieren: raus aus Paris, rein in Dörfer und kleine Städte.