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Frankreich:Trauer und Zorn nach dem Mord an einem Lehrer

Frankreichs Pädagogen fordern seit Langem Hilfe bei Konflikten um die Meinungsfreiheit - nun sagt der Premier sie zu.

Von Leo Klimm, Paris

Nach dem Mord an einem Lehrer durch einen mutmaßlichen Islamisten in Frankreich gerät Präsident Emmanuel Macron unter Druck. Die Opposition von rechts wie links fordert ein härteres Vorgehen gegen Islamisten, besonders wenn sie Lehrkräfte angreifen. Premierminister Jean Castex versprach daraufhin "eine noch entschlossenere, schnellere und effizientere Gegenstrategie, sollte ein Lehrer Drohungen erhalten". Er arbeite eng mit Vertretern der Bildungsberufe zusammen, um "so schnell wie möglich zu konkreten Maßnahmen zu gelangen", sagte Castex am Sonntag. Den Feinden der Republik werde mit Entschiedenheit begegnet.

Zugleich rief Macron den Verteidigungsrat zusammen, der aus ihm, dem Premier sowie fünf Ministern besteht. Ein Gesetz gegen "islamistischen Separatismus", das ohnehin geplant ist und zum Beispiel eine Schulpflicht im Alter von drei Jahren an vorsieht, könnte unter dem Eindruck des Attentats verschärft werden. Unterdessen versammelten sich am Wochenende in mehreren Städten Zehntausende, um ihre Anteilnahme zu bekunden und gegen Islamismus zu demonstrieren.

Am Freitag war in Conflans-Sainte-Honorine, einem Vorort von Paris, der Geschichtslehrer Samuel Paty auf der Straße mit einem Küchenmesser enthauptet worden. In den Tagen zuvor hatte es Streit zwischen dem Lehrer und Eltern muslimischer Schüler gegeben, weil er im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit mehrere Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo gezeigt hatte. Ein Vater prangerte den Lehrer dafür auch in digitalen Netzwerken an und gab in einem Video dessen Namen preis.

Offenbar hatte der mutmaßliche Attentäter Abdoullakh A. dieses Video gesehen; zum Gymnasium des Lehrers hatte er keine Verbindung. Er wurde von Polizisten erschossen. Zuvor konnte er noch ein Foto des abgetrennten Kopfes twittern und den Mord als Rache bezeichnen - an dem, "der es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen". Nach Angaben der Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft lebte A., ein 18-jähriger Tschetschene, als Flüchtling mit seiner Familie in der Normandie. Er war bislang nicht als Islamist bekannt. Die Polizei nahm elf Personen in Gewahrsam, darunter den Mann, der gegen Paty in digitalen Netzwerken gehetzt hatte.

Frankreichs Lehrerverbände beklagen regelmäßig, bei Konflikten mit Schülern und Eltern um Religions- und Meinungsfreiheit zu wenig Unterstützung zu erhalten. Jetzt sagte Premier Castex, solche Alarmsignale müssten früher erfasst werden. Er überließ es aber den Lehrern, ob sie weiter Mohammed-Karikaturen zeigten. Zurzeit läuft in Paris der Prozess gegen mögliche Komplizen des Attentats gegen Charlie Hebdo, bei dem im Januar 2015 zwölf Menschen ermordet wurden.

Zu den Demonstrationen am Wochenende hatte auch die Zeitschrift aufgerufen. In Paris fand eine Kundgebung auf dem Place de la République statt. Präsident Macron will den nun ermordeten Lehrer an diesem Mittwoch während einer Gedenkfeier ehren.

© SZ vom 19.10.2020

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