Frankreich Gold verpflichtet

„Jetzt entscheidet sich das europäische Schicksal. Das ist auch der Grund, warum ich die Reformen in Frankreich mache“: Emmanuel Macron.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Das Naturell ihres noch neuen Präsidenten gibt vielen Franzosen auch noch ein Jahr nach seinem Amtsantritt Rätsel auf: Emmanuel Macron hat nicht nur Erfolg und Ehrgeiz, er zeigt das auch gerne öffentlich.

Von Nadia Pantel, Paris

Wie geht man mit jemandem um, der unverkennbar klüger, schneller und entschlossener ist als man selbst? Man kann solche Überflieger abwerten, indem man sie für arrogant erklärt. Man kann sich ihnen bewundernd zu Füßen werfen. Oder man erhöht selbst das Tempo, schärft seine Argumente und nimmt den Kampf auf. Seit Emmanuel Macron Präsident der Franzosen ist, können sich Bürger, Politiker und Journalisten zwischen diesen drei Optionen entscheiden. Die vierte, eigentlich beliebteste Option im Umgang mit sehr Mächtigen, bleibt ihnen verwehrt: Sie können ihn nicht zum Trottel erklären.

Als Macron vor einem Jahr die Präsidentschaftswahl gewann, war die Biografie der Journalistin Anne Fulda eine der ersten. "Ein ach so perfekter junger Mann", stand auf dem Cover, jede Seite las sich, als stünde gleich eine große Enthüllung bevor. Reihenweise traten mächtige Männer auf, die verschnupft darauf hinwiesen, dass Macron ihnen viel zu verdanken habe und nicht genug Demut zeige. Im raunenden Tonfall des Buchs klingt auch Macrons Musikgeschmack anrüchig: kein Pop, nur die Goldbergvariationen. Ist er etwa frühvergreist? Doch am Ende von Fuldas Analyse hat man keinen Blender oder Schwindler kennengelernt, sondern einen Mann, dessen größtes Vergehen ist, unbeirrt an sich zu glauben.

Ehrgeiz und Erfolg gehören in Frankreich zu Dingen, die man hat, aber nicht zeigt. Gute Umgangsformen werden durch pointiertes Nörgeln abgerundet. Im Land der ständig Verstimmten wirkt der sonnig-selbstbewusste Macron wie ein US-Import. Als wäre versehentlich die ewig strahlende Julia Roberts für einen Nouvelle-Vague-Film gecastet worden.

Die Franzosen finden ihren neuen Präsidenten so wunderlich, dass sie ihn mit Tiervergleichen zu enträtseln versuchen. Der Schriftsteller Jean d'Ormesson sagt, "alle Politiker haben ein Tiertotem", bei Macron sei das die Fledermaus, weil er Maus und Vogel zugleich sein wolle. Anne Fulda erinnert der Präsident an eine Eidechse. Ein Tier, das man nicht festhalten kann, weil es lieber ein Körperteil abwirft, als seine Freiheit zu verlieren. Der Essayist Alain Duhamel wählt einen robusteren Vergleich: Macron sei ein "intellektuelles Rhinozeros"; Er überlegt sich feinsinnige Konzepte und setzt diese wenig feinsinnig, sondern absolut rabiat um. Für seine Vorgänger wären die Naturmetaphern nicht so eklektisch ausgefallen. Nicolas Sarkozy gehörte zu den Raubtieren, François Hollande zu den Beutetieren. Für Macron ist noch keine Schublade gefunden.

Vielleicht ist er einfach so jung, dass er gar kein Interesse hat, jugendlich zu erscheinen

Selbst das allererste Etikett für den Präsidenten passt nicht richtig. Wer mit 39 Jahren das Amt antritt, ist zunächst mal: der Junge. Das klingt unbeschwert, frisch. Als säße Justin Trudeau mit seiner Kollektion alberner Socken im Élysée-Palast. Doch anders als Kanadas Premier steckt Macron weder seine Füße in bunte Muster, noch macht er Yoga. Vielleicht ist Macron einfach so jung, dass er gar kein Interesse hat, jugendlich zu erscheinen. Jedenfalls nicht, wenn man Jugend mit Lässigkeit oder Leichtsinn assoziiert. Versteht man darunter jedoch die Zeit, in der man sich noch nicht damit abgefunden hat, bestimmte Dinge nicht erreichen zu können, dann ist Macron sehr jung.

Hollande lästerte über den Nachfolger, der spiele nur "Präsidentenspiele". Als sei der das unreife Kind Emmanuel. Doch sieht man den Amtssitz des Präsidenten, ist unklar, wie man dieses Amt ausfüllen soll, ohne zu spielen. Alles, was im Berliner Kanzleramt aus Beton ist, ist im Pariser Élysée aus Gold. Zu so viel Protz und Prunk muss man eine Haltung finden, die hinausgeht über "ich bin einfach ich selbst". Jeder Kronleuchter und vergoldete Schnörkel erinnert den Präsidenten, dass er nicht mehr normal ist. Wer hier einzieht, darf sich nicht vor Pathos ekeln.

Am liebsten mauert er sich ein zwischen großen Wörtern und großen Gesten

So wenig Macron mit seiner Politik hadert, so wenig hadert er mit dieser Kulisse. Mit dem Ende des Wahlkampfs sortierte er seine Markenzeichen neu. Er ist nun nicht mehr Macron der Optimist, er ist Macron der Entschlossene. Die Tagespolitik überlässt er Premier Édouard Philippe, er kümmert sich als Präsident um die großen Reden und Zukunftsentwürfe. Die Zeichen der Macht setzt er ein wie Schachfiguren. US-Präsident Donald Trump umgarnt er mit einer Militärparade. Seinen russischen Kollegen Wladimir Putin lädt er nach Versailles. Er hat sich für die ganz große Show und die Rolle des präsidialen Übervaters entschieden. Mag man ihn nicht, kann man sagen, dass er sie spielt. Man kann auch sagen, er verkörpert sie.

Zum ersten Jahrestag zeigte das französische Fernsehen am Montag die Dokumentation "Präsident Macron, das Ende der Unschuld". Anders als der Titel vermuten lassen könnte, ist der Film keine kritische Abrechnung, sondern eher eine Verbeugung. Macron selbst bescheinigt sich vor der Kamera, dass er durch die Bürde des Amtes nun keine unschuldigen Entscheidungen mehr treffen könne. Vom ersten Abend an habe er "den Ernst" des Amtes gespürt, so der Präsident.

Es sind vor allem glückliche Umstände, die Macron in diese ernste Lage gebracht haben. Er wurde gewählt, weil seine klassischen Konkurrenten, Konservative und Sozialisten, sich selbst aus dem Rennen nahmen. Und er wurde gewählt, weil seine Stichwahlgegnerin Marine Le Pen hieß, und eine rechtsradikale Präsidentin in Frankreich immer noch undenkbar ist. 24 Prozent stimmten im ersten Wahlgang für Macron, im zweiten Wahlgang gewann er mit 66 Prozent der Stimmen. Das ist solide. Ein Triumph ist das nicht.

Doch hört man Macron jetzt zu, ist seine Wahl schon jetzt eine Sternstunde der französischen Geschichte. Der Präsident sitzt in "Das Ende der Unschuld" auf goldenem Stuhl vor goldener Wand und erzählt von seinem Sieg. Alle hätten geglaubt, die Franzosen seien "müde, unreformierbar, nicht gewillt voranzuschreiten". Doch dann wählten sie ihn, "einen Mann ohne Partei, ohne Geschichte". Von seinem Erfolg gerührt, hält Macron kurz inne, um dann zu fragen: "Wie soll man das Volk der Franzosen nicht lieben?" Nach nur fünf Minuten bietet diese Fernsehdoku den ersten guten Anlass auszuschalten.

Wenn Macron das Glück hat, dass er herausgefordert wird und in den Angriffsmodus schaltet, entwickelt er seine Kraft. Dann kennt er alle Fakten, Zahlen, kann zeigen, was er weiß und tut. Das bewies er Ende April in einem dreistündigen, konfrontativen Live-Interview, in dem er eher beleidigt als befragt wurde. Nur kontrolliert er sein Image so genau, dass es nur in Ausnahmefällen zu diesen Situationen kommt. Am liebsten mauert der Präsident sich ein zwischen großen Wörtern und großen Gesten. Manchmal wirkt es, als stehe Macrons Wille, der Größte zu sein, einer großen Präsidentschaft im Weg.